Beispiel 1: Wenn die Mutter auch die beste Freundin war
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Kolleginnen von Mama,
meine Mutter und ich waren jeden Mittwoch schwimmen. Abends um halb sieben, Schwimmhalle, zwanzig Bahnen, sie im blauen Badeanzug mit der weißen Kappe. Danach Kaffee aus dem Automaten im Foyer, der scheußlich war und den wir trotzdem nie ausgelassen haben. Neunzehn Jahre lang. Erst jetzt begreife ich, dass dieser Mittwoch das Geländer war, an dem ich durch meine Wochen gegangen bin.
Angelika Richter war 41 Jahre lang Erzieherin, die meiste Zeit im selben Kindergarten in Dresden-Striesen. Es gibt dort Familien, bei denen sie erst die Mutter und später die Tochter in der Gruppe hatte. Wenn sie mit einem Kind sprach, ging sie in die Hocke. Jedes Mal. „Von oben herab redet man nicht mit Menschen“, hat sie gesagt, „auch nicht mit kleinen.“ Sie hat das durchgehalten, bis die Knie nicht mehr wollten.
So war sie auch mit mir. Sie hat mich nie von oben herab behandelt, nicht mit fünf und nicht mit fünfzehn, und das war bei mir kein einfaches Alter. Sie hat gefragt, zugehört und dann gesagt: „Ich würde es anders machen. Aber es ist dein Leben, und ich bin auf jeden Fall da.“ Beides hat gestimmt, immer.
Am Beckenrand haben wir alles besprochen: meine Scheidung, ihren Ruhestand, Papas Tod. Im Wasser redet es sich leichter. Man schwimmt nebeneinander her, man muss sich nicht ansehen, und Weinen fällt nicht auf.
Ich bin 46 Jahre alt, und ich habe meine Mutter noch im Frühjahr angerufen, um zu fragen, wie lange ein weiches Ei kocht. Sie hat nicht gelacht. Sie hat gesagt: „Fünfeinhalb Minuten, Schatz. Und leg es vorher in warmes Wasser.“ Ich hätte es nachschlagen können. Ich wollte es von ihr hören.
Im letzten Jahr, als sie krank war, ging das Schwimmen nicht mehr. Den Mittwoch haben wir behalten. Ich bin zu ihr gefahren, habe richtigen Kaffee gekocht, und wir haben geredet wie am Beckenrand. An einem ihrer letzten klaren Nachmittage hat sie meine Hand genommen und gesagt: „Wir zwei haben nichts versäumt.“ Das stimmt. Wir haben uns alles gesagt. Es ist mein größter Trost, und es macht die Stille jetzt so laut.
Sie war der Mensch, dem ich alles zuerst erzählt habe. In den ersten Tagen habe ich immer wieder zum Telefon gegriffen, um ihr zu erzählen, was passiert ist. Dass sie gestorben ist.
Letzten Mittwoch bin ich allein in die Halle gegangen. Ich bin meine zwanzig Bahnen geschwommen, und die Bahn neben mir blieb frei, als hätte jemand sie für dich reserviert. Mama, ich werde weiter mit dir reden, mittwochs, im Wasser. Ich weiß ja meistens, was du antworten würdest. Und für den Rest hast du mir alles mitgegeben: Man geht in die Hocke. Man hört zu. Man ist auf jeden Fall da.
Danke, dass du meine Mutter warst. Und meine beste Freundin. Bis Mittwoch.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Liebevoll, aber nicht immer einfach
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Theater,
meine Mutter hat 31 Jahre lang anderen Menschen ihren Text vorgesagt. Sigrid Lechner war Souffleuse am Theater in Coburg. Sie saß Abend für Abend im Dunkeln, das Textbuch auf den Knien, und wenn oben auf der Bühne einer hing, hat sie ihm den Satz gereicht. So leise, dass im Saal niemand etwas merkte. Die Schauspieler haben sie dafür geliebt. Einer hat einmal gesagt: „Solange die Sigrid unten sitzt, kann mir nichts passieren.“
Zu Hause hat sie damit nicht aufgehört. Das ist der Teil, über den ich heute ehrlich sprechen will. Meine Mutter wusste immer, was ich als Nächstes sagen sollte. Bei der Großtante: „Sag danke.“ Beim Vorstellungsgespräch, das wir am Küchentisch geprobt haben: „Sag, dass du belastbar bist.“ Noch auf meiner Hochzeit habe ich zu ihr hinübergesehen, und ihre Lippen haben das Ja mitgeformt, eine halbe Sekunde vor mir.
Sie meinte es gut. Das habe ich immer gewusst, und leichter hat es das nicht gemacht. Wer ständig vorgesagt bekommt, findet schwer heraus, was er selbst sagen will. Mit Anfang zwanzig bin ich nach Hamburg gezogen, 500 Kilometer weit, und ich sage es, wie es war: auch ihretwegen. Wir haben in diesen Jahren wenig miteinander gesprochen und uns an Weihnachten gestritten, meistens über Kleinigkeiten, die keine waren. Ich wollte meinen eigenen Text sprechen. Notfalls mit Hängern.
Sie hat das lange nicht verstanden. Und ich habe lange nicht verstanden, dass Vorsagen ihre Art war, da zu sein. Sie hatte gelernt, dass man Menschen nicht hängen lässt. Dass sie ihre Tochter manchmal hätte hängen lassen müssen, damit die ihren Satz selbst findet, stand in keinem Textbuch.
Anders wurde es, als mein Mann auszog. Ich habe sie abends angerufen, und am nächsten Mittag stand sie vor meiner Tür, mit zwei Koffern. Sie ist sechs Wochen geblieben. Sie hat gekocht, die Kinder zur Schule gebracht und mich schlafen lassen. Und sie hat nicht ein einziges Mal gesagt: Ich habe es dir gleich gesagt. Dabei hatte sie es mir gleich gesagt. Ich weiß, was sie dieses Schweigen gekostet hat. Ein größeres Geschenk hat sie mir nie gemacht.
Danach wurde es leichter zwischen uns. Nicht leicht, aber leichter. Sie hat gelernt zu fragen: „Willst du wissen, was ich denke?“ Und ich habe gelernt, immer öfter Ja zu sagen. Meistens hatte sie recht. Das gebe ich heute zu, vor Zeugen.
In ihren letzten Wochen war ihre Stimme schwach geworden. Ich saß an ihrem Bett und habe ihr vorgelesen, und wenn ich mich verlesen habe, hat sie mich verbessert, flüsternd, aus alter Gewohnheit. Wir haben beide gelacht. In diesem Moment war alles gut zwischen uns, und das ist das Bild, das ich behalte.
Mama, heute sagt mir keiner vor. Ich habe diesen Text allein geschrieben, und ich weiß genau, an welchen Stellen du etwas geändert hättest. Aber ich glaube, du hättest mich ausreden lassen.
Den letzten Satz kann ich ohne Hilfe: Ich habe dich lieb. Danke, dass du immer unten gesessen hast.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was nur die Tochter erzählen kann
Töchter kennen ihre Mutter oft aus einer Nähe, die kein anderer hatte: die Gespräche in der Küche, die Telefonate, dieselben Hände, derselbe Tonfall. Von genau diesen Beobachtungen lebt die Rede. Drei Fragen helfen beim Sammeln:
- Was habe ich von ihr übernommen, ob ich wollte oder nicht?
- Welche Gewohnheit hatten nur wir beide?
- Welchen Satz von ihr höre ich, wenn ich eine Entscheidung treffe?
Im ersten Beispiel trägt ein einziges Ritual, das gemeinsame Schwimmen am Mittwoch, die ganze Rede. Mehr braucht es nicht.
Trauerrede der Tochter für die Mutter, wenn das Verhältnis nicht einfach war
Nicht jede Mutter war eine beste Freundin. Wenn es Streit, Kälte oder lange Funkstille gab, stehen Töchter vor der Frage, wie ehrlich eine Rede sein darf. Diese Leitlinien haben sich bewährt:
- Benennen, nicht ausbreiten. Ein Satz wie „Wir hatten es nicht immer leicht miteinander“ genügt. Wer Bescheid weiß, ist erleichtert. Die anderen müssen keine Einzelheiten erfahren.
- Keine Abrechnung. Die Trauerfeier ist nicht der Ort, um recht zu bekommen. Die Verstorbene kann nicht mehr antworten.
- Erzählen, woher sie kam. Herkunft, Zeit und Lebensumstände machen Härte oft verständlicher, ohne sie zu entschuldigen.
- Ihre Sprache übersetzen. Manche Mütter haben Zuneigung durch Taten gezeigt, andere durch Ratschläge, um die niemand gebeten hatte. Fragen Sie sich, was dahinterstand: Sorge, Angst, der Wunsch, gebraucht zu werden.
- Nichts behaupten, was Sie nicht fühlen. Sie müssen nicht sagen, dass alles gut war. Dank für das, was gut war, reicht und ist wahr.
Das zweite Beispiel zeigt, wie sich beides verbinden lässt. Wenn Ihnen auch das zu viel ist, dürfen Sie kurz bleiben. Vorlagen dafür finden Sie unter kurze Trauerrede für die Mutter.
Wenn Geschwister die Mutter anders erlebt haben
Brüder und Schwestern haben oft eine andere Mutter gekannt als Sie. Sprechen Sie deshalb erkennbar für sich selbst: „Ich habe sie so erlebt“ statt „So war sie“. Zeigen Sie den Text vorher mindestens einem Ihrer Geschwister, damit am Tag der Beerdigung niemand überrascht wird.
Weitere Beispiele in unterschiedlichem Ton finden Sie auf der Seite Trauerrede für die Mutter, die Sicht der Tochter auf den Vater unter Trauerrede für den Vater von der Tochter. Hinweise für den Moment am Rednerpult gibt die Seite Trauerrede halten.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Muss ich als Tochter die Trauerrede für meine Mutter halten?
Nein, dazu ist niemand verpflichtet. Sie können den Text schreiben und vom Trauerredner, vom Pfarrer oder von einem vertrauten Menschen vorlesen lassen. Auch ein Beitrag von einer Minute ist ein vollwertiger Abschied.
Wie ehrlich darf ich sein, wenn das Verhältnis schwierig war?
So ehrlich, dass Sie nichts sagen müssen, was Sie nicht meinen, und so zurückhaltend, dass niemand bloßgestellt wird. Ein einzelner Satz, der die Schwierigkeiten benennt, reicht aus. Danach darf die Rede bei dem bleiben, wofür Sie dankbar sind.
Wie vermeide ich, dass die Rede mehr von mir handelt als von meiner Mutter?
Prüfen Sie jeden Absatz: Sieht man darin Ihre Mutter etwas tun oder sagen? Ihre eigenen Gefühle dürfen vorkommen, am besten am Anfang und am Schluss. Dazwischen gehört der Raum ihr.
Darf ich beim Vortragen weinen?
Ja, und niemand in der Trauerhalle wird es Ihnen übel nehmen. Planen Sie Pausen ein, legen Sie ein Taschentuch bereit und bitten Sie vorher jemanden, notfalls für Sie weiterzulesen.
Ich finde keinen Anfang. Was hilft?
Beginnen Sie mit einer Gewohnheit, die nur Sie beide hatten: ein Anruf, ein gemeinsamer Weg, ein Ritual. Wenn Sie lieber Fragen beantworten, als frei zu schreiben, können Sie Ihre Erinnerungen in unseren Fragebogen eintragen und daraus eine Rede erstellen lassen.