Beispiel 1: Für einen Freund aus 46 Jahren
Liebe Gabi, lieber Sven, liebe Familie, liebe Freunde von Uwe,
im September 1978 standen in einer Lehrwerkstatt in Gelsenkirchen zwei Schraubstöcke nebeneinander. An dem einen stand ich, sechzehn Jahre alt und ziemlich sicher, dass ich alles falsch mache. An dem anderen stand Uwe. Er hat herübergeschaut, erst auf mein Werkstück, dann auf mich, und gesagt: „Feil ruhig weiter, irgendwann passt es in die Hosentasche.“ Das war der Anfang. Sechsundvierzig Jahre ist das her.
Ich habe lange überlegt, was ich heute über ihn sagen kann, ohne dass er mir von irgendwoher zuruft: „Erzähl keinen vom Pferd.“ Das war sein Satz, wenn jemand dick auftrug. Also bleibe ich bei dem, was stimmt.
Es stimmt, dass Uwe fünfmal meinen Umzug gemacht hat. Fünfmal dieselbe Waschmaschine, fünfmal derselbe Spruch im Treppenhaus: „Beim nächsten Mal ziehst du ins Erdgeschoss, oder ich komme nicht.“ Er ist immer gekommen. Mit seinem Anhänger, mit belegten Broten von Gabi und mit einer Ruhe, die mich wahnsinnig gemacht hat, wenn ich es eilig hatte.
Es stimmt auch, dass er vor zwanzig Jahren an einem Dienstagabend vor meiner Tür stand, unangemeldet, mit zwei Flaschen Bier. Meine Ehe war gerade zerbrochen, ich hatte es ihm am Telefon in zwei Sätzen erzählt. Er hat sich an den Küchentisch gesetzt und bis Mitternacht fast nichts gesagt. Er hat nicht getröstet und keine Ratschläge gegeben. Er war da. Als er ging, hat er gesagt: „Samstag kommst du zum Essen. Das ist keine Frage.“ Ich bin dann ein halbes Jahr lang jeden Samstag gekommen.
Und es stimmt, dass wir seit 1985 jedes Jahr am Wochenende nach Pfingsten mit dem Rad an die Ruhr gefahren sind. Anfangs bis Hattingen, später, als die Knie nachließen, nur noch bis zur ersten Bude. Uwe hatte immer das Flickzeug dabei und ich immer den Platten. Er hat nie verstanden, warum ich nicht einfach neue Mäntel kaufe. Ich habe nie verstanden, warum er nach dem zweiten Bier anfing, über Brieftauben zu reden. Man muss an einem Freund nicht alles verstehen.
Uwe war Busfahrer, dreißig Jahre Linie, und er war stolz darauf, dass ihn die Schulkinder mit Namen begrüßt haben. Er war Gabis Mann, Svens Vater und seit zwei Jahren Opa, was ihn weicher gemacht hat, als er zugegeben hätte. Das alles könnt ihr, liebe Familie, viel besser erzählen als ich. Ich kann nur sagen, wie er als Freund war: verlässlich wie ein Fahrplan und deutlich pünktlicher.
Im nächsten Jahr fahre ich nach Pfingsten allein. Bis zur Bude. Ich werde zwei Bier bestellen und eins stehen lassen. Der Mann hinter der Theke wird nichts fragen. Im Ruhrgebiet versteht man so etwas.
Uwe, ich habe keinen vom Pferd erzählt. Es stimmt alles. Und es stimmt auch, dass ich nicht weiß, wen ich jetzt anrufen soll, wenn ich einen Platten habe. Glück auf, mein Freund. Danke für sechsundvierzig Jahre.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Für eine Freundin, warm und mit einem Lächeln
Lieber Martin, liebe Clara, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde von Susanne,
Susanne ist in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal pünktlich gewesen. Ich sage das gleich zu Beginn, weil sie es selbst gesagt hätte. Wenn wir um sieben verabredet waren, kam sie um halb acht, mit wehenden Haaren, einem Buch unter dem Arm und dem Satz: „Ich bin nicht zu spät, ihr seid bloß alle zu früh.“ Man konnte ihr nicht böse sein. Ich habe es versucht.
Wir haben uns 1988 in Marburg kennengelernt, in einer Wohngemeinschaft mit fünf Leuten, einem Bad und einem Kühlschrank, in dem alles beschriftet war außer Susannes Sachen. Sie hat Germanistik studiert und nebenbei in einer Buchhandlung in der Oberstadt ausgeholfen. Das Studium hat sie nie beendet. Die Buchhandlung hat sie nie verlassen. Sechsunddreißig Jahre lang hat sie dort Menschen Bücher in die Hand gedrückt, die sie gar nicht gesucht hatten, und meistens waren es die richtigen.
Zu jedem Geburtstag habe ich von ihr ein Buch bekommen, und vorne stand immer etwas drin. Nie „Alles Gute“. Sondern zum Beispiel: „Seite 112 bist du.“ Oder: „Lies das erst, wenn du wieder schlafen kannst.“ Das war in dem Jahr, als meine Mutter starb. In den letzten Wochen habe ich in jedem dieser Bücher die erste Seite aufgeschlagen. Es ist, als hätte sie mir über all die Jahre einen sehr langen Brief geschrieben.
Freundschaft mit Susanne, das hieß: Sonntags um acht klingelt das Telefon. Egal, wo wir gerade lebten, egal, wie klein die Kinder waren. Manchmal zehn Minuten, manchmal zwei Stunden. Sie konnte zuhören, ohne sofort eine Lösung zu haben. Und sie konnte im richtigen Moment sagen: „So, und jetzt hörst du auf, dich zu bemitleiden, und erzählst mir etwas Schönes.“
Im vergangenen Jahr, als sie krank wurde, haben sich unsere Rollen umgedreht. Ich habe angerufen, sie hat erzählt. Sie wollte kein Mitleid, und sie wollte nicht, dass wir flüstern. Bei meinem letzten Besuch hat sie mich gebeten, ihr vorzulesen. Nach zwei Seiten habe ich geweint, und sie hat gesagt: „Du betonst falsch. Gib her.“
Martin, Clara, ich kann nicht ermessen, was ihr verloren habt. Ich kann euch nur sagen, wie sie von euch gesprochen hat, sonntags um acht: mit einem Stolz, den sie für unauffällig hielt.
Susanne, am Sonntag um acht wird es still sein bei mir. Ich werde trotzdem ein Buch aufschlagen. Und du sollst wissen: Zu deiner Feier waren wir heute alle pünktlich. Diesmal bist du es, die zu früh gegangen ist.
Beispiel 3: Kurze Rede im Namen eines Freundeskreises
Liebe Marion, liebe Familie, liebe Trauergäste,
ich spreche heute nicht nur für mich. Ich spreche für die Donnerstagsrunde: für Holger, Achim, Rolf, Detlef und mich. Wir stehen dort drüben, und wir haben uns gemeinsam überlegt, was wir Kalle mitgeben wollen. Er hätte gesagt: „Macht nicht so ein Gewese.“ Wir machen es kurz, Kalle. Aber ein bisschen Gewese muss sein.
Seit 1994 haben wir jeden Donnerstag Doppelkopf gespielt, reihum in unseren Küchen in Oldenburg. Kalle hat in all den Jahren vielleicht zehn Abende versäumt. Er hat das Kassenbuch geführt, auf den Cent genau, in einem Schulheft mit Eselsohren. Von dem Geld sind wir einmal im Jahr an die Nordsee gefahren, und Kalle hat jedes Mal dasselbe Fischbrötchen bestellt und jedes Mal gesagt, früher sei es größer gewesen.
Er war der Ruhigste von uns und der, auf den man hörte. Als Rolf seine Arbeit verlor, hat Kalle nichts gesagt und am nächsten Tag drei Telefonnummern vorbeigebracht. Als Achims Frau im Krankenhaus lag, stand donnerstags ein Topf Suppe vor der Tür, ohne Zettel. Wir wussten trotzdem, von wem.
Dass er so plötzlich gegangen ist, können wir noch nicht begreifen. Am Donnerstag davor hat er noch gewonnen. Er hat sich gefreut wie ein Kind und so getan, als wäre es ihm egal.
Marion, wir sind für dich da. Das ist kein Satz für heute, das ist ein Satz für die nächsten Jahre. Wer den Rasen mäht und wer die Dachrinne sauber macht, haben wir bereits geklärt.
Kalle, dein Platz am Tisch bleibt frei, und das Kassenbuch führen wir weiter, so ordentlich wir können. Am Donnerstag spielen wir die erste Runde für dich. Danke für dreißig Jahre, alter Freund.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Als Freund neben der Familie sprechen
Bei einer Trauerfeier steht die Familie im Mittelpunkt. Wenn Sie als Freund oder Freundin sprechen möchten, fragen Sie deshalb zuerst die nächsten Angehörigen, früh und ohne Druck. Oft läuft die Abstimmung auch über den Bestatter, den Pfarrer oder den Trauerredner, der den Ablauf plant.
- Klären Sie, ob eine Rede von Freunden erwünscht ist, und nehmen Sie ein Nein nicht persönlich.
- Fragen Sie nach der gewünschten Länge und nach der Stelle im Ablauf. Meist spricht die Familie zuerst.
- Fragen Sie, ob es Themen gibt, die Sie auslassen sollen.
- Bieten Sie an, den Text vorab zu zeigen. Das nimmt der Familie die Sorge vor Überraschungen.
Ihre Rolle ist eine andere als die der Angehörigen: Sie erzählen nicht das ganze Leben, Sie zeigen eine Seite davon. Wer bei einer Beerdigung üblicherweise spricht und in welcher Reihenfolge, lesen Sie unter Rede bei einer Beerdigung.
Trauerrede für einen Freund: was nur Sie erzählen können
Freunde kennen einen Menschen anders als Eltern, Partner oder Kinder: aus der Lehrwerkstatt, aus der Wohngemeinschaft, vom Kartentisch. Gerade diese Geschichten sind für die Familie oft ein Geschenk, weil sie den Verstorbenen noch einmal von einer neuen Seite zeigen.
- Wie Sie sich kennengelernt haben, mit Ort und Jahr.
- Ein Moment, in dem er oder sie für Sie da war, ohne viele Worte.
- Eine Gewohnheit oder ein Spruch, über den alle schmunzeln können.
- Ein Ritual Ihrer Freundschaft: die jährliche Radtour, der Anruf am Sonntag, der Donnerstagabend.
Für eine Trauerrede für eine Freundin gilt dasselbe. Sie darf von den Gesprächen erzählen, die Sie beide über Jahre getragen haben, wie im zweiten Beispiel.
Aufbau einer Abschiedsrede für einen guten Freund
- Anrede: zuerst die Familie, dann die übrigen Trauergäste.
- Wer Sie sind: ein Satz dazu, woher Sie den Verstorbenen kennen. Nicht alle Trauergäste wissen es.
- Ihre Freundschaft: eine oder zwei Szenen, die man vor sich sieht.
- Ein Wort an die Familie: Anerkennung und Beistand, kein Vergleich der Trauer.
- Abschied: wenige Sätze direkt an den Freund, gern in der Du-Form.
Zwei bis vier Minuten sind für die Rede eines Freundes ein guter Rahmen. Die ausführliche Gliederung finden Sie unter Aufbau einer Trauerrede. Sie dürfen die Beispiele dieser Seite als Vorlage frei übernehmen und mit Ihren eigenen Erinnerungen füllen.
Typische Fehler und wie Sie sie vermeiden
- Insiderwitze: Was nur drei Leute verstehen, schließt alle anderen aus. Erzählen Sie jede Geschichte so, dass auch die Tante aus Kiel ihr folgen kann.
- Zechgeschichten: Was am Stammtisch lustig war, kann die Familie vor den Trauergästen verletzen. Im Zweifel lassen Sie es weg. Wie Heiterkeit gelingt, zeigt die Seite humorvolle Trauerrede.
- Zu viel „ich“: Die Rede handelt von Ihrem Freund, nicht von Ihrer Trauer.
- Zu lang: Nach der Familie und dem Trauerredner ist die Aufmerksamkeit begrenzt. Kürzen Sie lieber eine Szene, als alle drei nur anzureißen.
Wenn Sie im Namen eines ganzen Freundeskreises sprechen, nennen Sie die Namen der anderen und bleiben Sie beim „wir“. Für diesen Fall eignet sich eine kurze Trauerrede von etwa zwei Minuten. Wenn Sie Ihre Erinnerungen zunächst sammeln möchten, führt Sie unser Fragebogen Schritt für Schritt durch die wichtigsten Fragen.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Darf ich als Freund bei der Trauerfeier überhaupt sprechen?
Ja, wenn die Familie einverstanden ist. Fragen Sie die nächsten Angehörigen so früh wie möglich oder wenden Sie sich an den Bestatter, der den Ablauf kennt. Viele Familien freuen sich, wenn ein Freund spricht, weil er Erinnerungen mitbringt, die sie selbst nicht haben.
Wie lang sollte eine Trauerrede für einen Freund sein?
Zwei bis vier Minuten genügen. Meist sprechen vor Ihnen bereits der Pfarrer oder Trauerredner und ein Mitglied der Familie. Eine kurze Rede mit einer einzigen gut erzählten Erinnerung bleibt den Trauergästen eher im Gedächtnis als ein langer Rückblick.
Darf ich in der Rede lustige Geschichten erzählen?
Ja, wenn die Geschichte den Verstorbenen liebevoll zeigt und die Familie nicht in Verlegenheit bringt. Erzählen Sie die Begebenheit vorher einem Angehörigen. Wenn er dabei lächelt, passt sie. Geschichten über Alkohol, alte Liebschaften oder Streit lassen Sie besser weg.
Wie spreche ich im Namen eines Freundeskreises?
Sagen Sie zu Beginn, für wen Sie sprechen, und nennen Sie die Namen. Sammeln Sie vorher von jedem eine Erinnerung und wählen Sie zwei oder drei aus, die zusammenpassen. Sprechen Sie in der Wir-Form und schließen Sie mit einem Satz, hinter dem alle stehen.
Was ist, wenn die Familie keine Rede von Freunden möchte?
Dann respektieren Sie das. Sie können Ihre Erinnerungen in einem Brief an die Familie aufschreiben, in der Kondolenz ausführlicher werden oder beim Beisammensein nach der Beisetzung ein paar Worte sagen. Für viele Angehörige ist ein solcher Brief später sehr wertvoll.
Wie finde ich die richtige Anrede, wenn ich die Familie kaum kenne?
Sprechen Sie zuerst die engsten Angehörigen mit Namen an, zum Beispiel die Ehefrau und die Kinder, danach Familie, Freunde und Trauergäste. Fragen Sie im Zweifel den Bestatter nach den Namen und danach, ob in der Familie das Du oder das Sie üblich ist.