Beispiel 1: Ein Brief an den Verstorbenen
Liebe Familie, liebe Freunde, ich halte heute keine Rede. Ich lese euch einen Brief vor. Manfred und ich haben uns vierzig Jahre lang Zettel geschrieben, und ich sehe nicht ein, warum ich ausgerechnet jetzt damit aufhören soll.
Lieber Manfred, du weißt, wie das bei uns war. Du bist um halb vier zur Frühschicht aufgestanden, ich kam spät aus dem Laden. Also lag auf dem Küchentisch ein Zettel. „Suppe steht im Kühlschrank.“ „Reifen sind gewechselt.“ „Bin stolz auf dich, sag ich dir heute Abend noch mal.“ Den letzten habe ich aufgehoben. Er steckt seit 1994 in meinem Portemonnaie.
Einunddreißig Jahre bist du in Kassel Bus gefahren, die meiste Zeit die Linie 4. Du kanntest die Schulkinder mit Namen und die alten Damen mit ihren Arztterminen. Wenn eine nicht an der Haltestelle stand, hast du abends gesagt: „Frau Wenzel war heute nicht da, hoffentlich ist nichts.“ Du hast Menschen befördert, aber eigentlich hast du auf sie aufgepasst.
Du hast beim Fahren gepfiffen. Immer. Katrin hat sich beschwert, die Fahrgäste haben gelächelt, und ich habe dich am Pfeifen erkannt, bevor ich den Schlüssel im Schloss gehört habe. Seit drei Wochen ist es in unserem Treppenhaus still. Daran gewöhne ich mich nicht so schnell.
„Wird schon“, hast du gesagt. Als der Keller unter Wasser stand. Als Katrin durch die Fahrprüfung gefallen ist, ausgerechnet deine Tochter. Als der Arzt im Frühjahr sehr lange in seine Unterlagen geschaut hat. „Wird schon, Gudrun.“ Diesmal ist es nicht geworden. Ich nehme dir das nicht übel. Aber ich wollte es einmal gesagt haben.
Ich muss dir noch ein paar Dinge melden. Der Wagen ist durch den TÜV. Die Tomaten auf dem Balkon tragen, obwohl du behauptet hast, die Sorte taugt nichts. Und Katrin parkt inzwischen rückwärts ein, besser als du. Das sage ich dir nur, weil du nicht mehr widersprechen kannst.
Danke für vierzig Jahre Zettel. Für den Kaffee, der fertig war, wenn ich aufgestanden bin. Dafür, dass du nie große Worte gebraucht hast und ich trotzdem jeden Tag wusste, woran ich bin.
Ich lege dir diesen Brief nachher dazu. Es ist der längste Zettel, den ich dir je geschrieben habe. Eine Antwort erwarte ich nicht. Aber falls du irgendwo pfeifst: Ich höre hin. Deine Gudrun.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Eine Rede rund um einen Gegenstand
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Schule, ich habe etwas mitgebracht. Das hier ist Papas Schlüsselbund. Dreiundzwanzig Schlüssel an einem Karabiner. Wer meinen Vater kannte, kannte zuerst dieses Geräusch. Er klimperte, bevor er um die Ecke kam.
Walter war vierunddreißig Jahre lang Hausmeister an der Grundschule an der Gartenstraße in Bottrop. Gelernt hatte er Schlosser auf der Zeche, und als dort Schluss war, hat er umgesattelt. „Schlösser bleiben Schlösser“, hat er gesagt. Er fand das komischer als wir.
Er kannte jeden dieser Schlüssel im Dunkeln. Der mit der Kerbe: Heizungskeller. Der kurze dicke: Turnhalle. Der mit dem roten Klebeband: der Schrank mit den Ersatzturnbeuteln, für die Kinder, die ihren vergessen hatten oder gar keinen besaßen. Über diesen Schrank hat er nie gesprochen. Wir haben erst letzte Woche von einer Lehrerin davon erfahren.
Samstags hat er die Turnhalle aufgeschlossen, obwohl das niemand von ihm verlangt hat. Für die Jungs aus der Siedlung, die sonst auf dem Parkplatz gekickt hätten. Er saß dann auf der Bank, löste Kreuzworträtsel und tat so, als würde er nicht zugucken. Wenn es Streit gab, stand er auf, und der Schlüsselbund klimperte. Das reichte meistens.
„Ich guck mal eben.“ Das war sein Satz. Die Heizung tropft? Ich guck mal eben. Das Fahrrad der Nachbarin quietscht? Ich guck mal eben. Aus mal eben wurden zwei Stunden, und Mama hat das Essen warm gestellt. Sie hat geschimpft und es nie ernst gemeint.
Zu Hause war er kein Mann für lange Gespräche. Aber als ich mit neunzehn in meine erste Wohnung nach Essen zog, hat er mir einen Schlüssel in die Hand gedrückt. Unseren Haustürschlüssel, frisch nachgemacht. „Falls was ist“, hat er gesagt. Mehr nicht. Ich habe nie einen schöneren Satz von ihm gehört.
Als er 2011 in Rente ging, musste er den Schlüsselbund abgeben. Das fiel ihm schwerer als der Abschied selbst. Sein Nachfolger benutzt ihn bis heute, mit dem roten Klebeband und allem, und hat ihn uns für diesen Vormittag geliehen. Am Montag bringen wir ihn zurück. So gehört es sich, und Papa hätte darauf bestanden.
Einen Schlüssel behalte ich. Den zur Haustür, den er mir damals gegeben hat. Papa, du hast dein Leben lang für andere aufgeschlossen. Die Turnhalle am Samstag. Den Schrank mit dem roten Klebeband. Und für mich die Haustür, falls was ist. Ich weiß, wo ich herkomme. Danke.
Beispiel 3: Acht nummerierte Erinnerungen
Liebe Familie von Jutta, liebe Freundinnen und Freunde, Jutta hat Listen geliebt. Einkaufslisten, Leselisten, Listen mit Wörtern, die sie schön fand. Deshalb bekommt sie von mir keine Rede, sondern eine Liste. Acht Dinge, die ich über Jutta weiß.
Erstens. Sie hat mir 1983 in Göttingen ein Buch verkauft, das ich nicht wollte. Ich kam wegen eines Reiseführers und ging mit einem Roman von sechshundert Seiten. Sie hatte recht. So fing unsere Freundschaft an.
Zweitens. In ihrer Buchhandlung stand ein Sessel, der nicht zu verkaufen war. Wer traurig aussah, wurde hineingesetzt und bekam Tee. Gekauft werden musste nichts.
Drittens. Sie konnte nicht singen und tat es trotzdem. Laut, im Auto, bei offenem Fenster, vorzugsweise an roten Ampeln.
Viertens. Sie wusste jeden Geburtstag. Nicht aus dem Kalender, aus dem Kopf. Ihre Karte kam immer einen Tag zu früh, weil sie der Post nicht traute.
Fünftens. Wenn man ihr ein Problem erzählte, sagte sie zuerst: „Jetzt setz dich erst mal.“ Die Hälfte der Probleme war danach schon kleiner.
Sechstens. Sie hat mit Timo und Lena jeden Sommer an der Nordsee gezeltet, auch in dem Jahr, als es vierzehn Tage regnete. Ihr beide habt mir erzählt, es sei euer schönster Urlaub gewesen. Ich glaube euch das sogar.
Siebtens. Sie hat Eselsohren in Bücher gemacht. Als Buchhändlerin. Sie fand, ein Buch dürfe ruhig zeigen, dass jemand es gemocht hat. Das gilt wohl auch für Menschen.
Achtens. Sie ist an einem Dienstag im März gestorben, ohne Vorwarnung. Auf ihrem Nachttisch lag ein Buch mit einem Eselsohr auf Seite 212. Ich habe es mitgenommen. Ich lese es zu Ende, Jutta. Und dann erzähle ich dir, wie es ausgeht.
Die Liste ist zu kurz. Das wird sie immer bleiben. Schreibt sie weiter, jede und jeder für sich. Danke, Jutta.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Trauerrede mal anders: Was damit gemeint ist
Wer Trauerreden mal anders gestalten möchte, will selten provozieren. Meist steckt ein einfacher Gedanke dahinter: Der übliche Ablauf aus Geburtsjahr, Stationen und Dank würde diesem Menschen nicht gerecht. Eine ungewöhnliche Form ändert nicht den Inhalt, sondern den Weg dorthin. Auch ein Brief erzählt vom Leben, auch eine Liste würdigt und dankt. Wenn Sie zuerst das übliche Gerüst kennenlernen möchten, finden Sie es unter Aufbau einer Trauerrede.
Eine moderne Trauerrede muss also nicht locker oder laut sein. Modern heißt hier: nah an der Person, in Alltagssprache, mit Bildern, die die Trauergäste wiedererkennen.
Formen, die bei einer Trauerfeier tragen
Diese Formen haben sich bewährt, weil sie der Rede einen roten Faden geben und leicht vorzutragen sind:
- Der Brief: Sie sprechen den Verstorbenen direkt an. Das erlaubt Sätze, die in einer Rede über ihn zu privat klängen. Ein kurzer Einstieg an die Trauergäste erklärt die Form.
- Ein Gegenstand: Schlüsselbund, Fernglas, Aktentasche, Gartenschere. Ein Ding, das alle mit ihm verbinden, ordnet die Erinnerungen fast von selbst. Sie können es mitbringen, müssen es aber nicht.
- Nummerierte Erinnerungen: Fünf bis zehn kurze Punkte statt eines Fließtextes. Die Form verzeiht Pausen, und wenn die Stimme stockt, machen Sie beim nächsten Punkt weiter.
- Ein typischer Tag: Vom ersten Kaffee bis zum Abschließen der Haustür. Gut für Menschen, deren Leben aus verlässlichen Gewohnheiten bestand.
- Sein Satz: Eine Redewendung, die jeder von ihm kannte, kehrt mehrmals wieder und bekommt am Ende eine neue Bedeutung.
Sie dürfen die Beispiele auf dieser Seite als Vorlage nehmen: Form übernehmen, Inhalt durch eigene Erinnerungen ersetzen. Wie Sie an solche Erinnerungen kommen, zeigt die Seite persönliche Trauerrede.
Wo die Grenzen des Geschmacks liegen
Eine ungewöhnliche Form braucht mehr Feingefühl als eine klassische, nicht weniger. Drei Prüffragen helfen:
- Steht der Verstorbene im Mittelpunkt? Sobald die Form wichtiger wird als der Mensch, wirkt sie wie ein Auftritt. Requisiten, Verkleidungen oder Mitmachaktionen lenken fast immer ab.
- Verstehen es alle im Raum? Anspielungen, die nur drei Freunde kennen, schließen die übrigen Trauergäste aus. Ein Halbsatz Erklärung genügt oft.
- Würde er oder sie sich wiedererkennen? Ein stiller Mensch braucht keine originelle Inszenierung, nur weil sie Ihnen gefällt.
Nicht in die Rede gehören alte Streitigkeiten, Abrechnungen und Einzelheiten der Krankheit, gleich in welcher Form. Wenn Sie Heiteres einbauen möchten, lesen Sie vorher die Hinweise zur humorvollen Trauerrede.
Vorher mit der Familie abstimmen
Überraschungen sind bei einer Trauerfeier selten willkommen. Sagen Sie den nächsten Angehörigen in zwei Sätzen, was Sie vorhaben: „Ich möchte meine Rede als Brief an Papa schreiben.“ Lesen Sie den Text mindestens einer Person vor, die dem Verstorbenen nahestand. Wenn sie an einer Stelle zögert, ändern Sie die Stelle.
Informieren Sie auch den Bestatter, den Pfarrer oder die Trauerrednerin, damit Ihr Beitrag an der richtigen Stelle im Ablauf steht. Bei einer kirchlichen Trauerfeier klären Sie am besten vorab, wie viel Raum für persönliche Worte vorgesehen ist. Für den Vortrag selbst finden Sie praktische Hilfen unter Trauerrede halten. Wenn Sie Ihre Erinnerungen lieber erst sammeln und ordnen lassen möchten, beginnen Sie mit dem Fragebogen.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Was bedeutet „Trauerrede mal anders“?
Gemeint ist eine Rede, die vom üblichen Schema aus Lebenslauf, Würdigung und Dank abweicht, zum Beispiel als Brief, als Liste von Erinnerungen oder rund um einen Gegenstand. Der Inhalt bleibt derselbe: ein Mensch, sein Leben und der Abschied. Nur die Form ist freier.
Passt eine ungewöhnliche Trauerrede auch zu einer kirchlichen Trauerfeier?
Häufig ja, wenn sie würdevoll bleibt und vorher abgesprochen ist. Sprechen Sie mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin über Form und Länge, damit Ihr Beitrag gut in den Ablauf passt.
Darf ich die Beispiele als Vorlage für meine eigene Rede verwenden?
Ja. Übernehmen Sie die Form und ersetzen Sie Namen, Orte und Szenen durch Ihre eigenen Erinnerungen. Eine Rede wirkt nur dann echt, wenn die Trauergäste den Verstorbenen darin wiedererkennen.
Wie lang sollte eine Trauerrede in freier Form sein?
Drei bis fünf Minuten reichen in den meisten Fällen. Ungewöhnliche Formen wirken am besten, wenn sie knapp bleiben: Eine Liste mit acht Punkten ist stärker als eine mit zwanzig.
Was mache ich, wenn ein Teil der Familie die Idee ablehnt?
Nehmen Sie den Einwand ernst, denn die Trauerfeier gehört allen Angehörigen. Oft hilft ein Mittelweg: ein klassischer Einstieg und Schluss, dazwischen ein kurzer Teil in freier Form. Hinweise zum klassischen Gerüst finden Sie unter Trauerrede schreiben.