Beispiel 1: Zehn Dinge, die ich von meiner Mutter gelernt habe
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Stammgäste,
meine Mutter hielt nichts von langen Reden. In ihrer Wirtschaft durfte jeder reden, solange er wollte, aber sie selbst hielt es mit klaren Ansagen. Was bei uns im Haus galt, das galt, und man konnte es an den Fingern abzählen. Deshalb halte ich heute keine Rede. Ich zähle auf: zehn Dinge, die ich von Resi Haller gelernt habe.
Erstens: Wer zur Tür hereinkommt, wird gegrüßt, bevor er sitzt. Egal, ob Bürgermeister oder Monteur auf der Durchreise. Sie hat das 41 Jahre so gehalten, im Gasthaus Hirsch in unserem Dorf bei Kempten, das schon ihre Eltern geführt hatten.
Zweitens: Wechselgeld zählt man laut vor. „Dann kann hinterher keiner was sagen.“ Drittens: Dem alten Herrn Fink stellt man mittags die Suppe hin, ohne dass er bestellt, und schreibt sie nicht auf. „Der hat sonst den ganzen Tag niemanden.“
Viertens: Wer genug hat, bekommt nichts mehr. Auch nicht, wenn er zahlt, und auch nicht, wenn er laut wird. Ich habe gesehen, wie sie Männern, die zwei Köpfe größer waren als sie, den Autoschlüssel abgenommen hat. Gewehrt hat sich keiner. Am nächsten Tag haben sie sich bedankt, die meisten jedenfalls.
Fünftens: Man sieht einem Menschen an, ob er Hunger hat, auch wenn er es nicht sagt. Meine Freunde haben das früh herausgefunden. Am Küchentisch hinter der Gaststube saßen immer zwei, drei Kinder mehr, als zur Familie gehörten, und es hat immer gereicht.
Sechstens: Man geht nicht im Streit schlafen. Wenn es zwischen uns gekracht hatte, stand sie nach der Sperrstunde in meiner Zimmertür, noch in der Schürze, und sagte: „So legt man sich nicht hin.“ Dann haben wir geredet, manchmal bis zwei. Um sechs stand sie trotzdem wieder in der Küche.
Siebtens: Was am Stammtisch gesagt wird, bleibt am Stammtisch. Sie wusste alles über dieses Dorf und hat nichts davon weitergetragen. Achtens: Den Tisch wischt man ab, bevor man sich setzt, auch zu Hause. Das ist der einzige Punkt, den ich nie gelernt habe. Aufgegeben hat sie es nie.
Neuntens: Ruhetag ist Ruhetag. Montags gehörte sie uns. Dann ist sie mit uns an den See gefahren, hat die Schuhe ausgezogen und einen ganzen Nachmittag lang kein einziges Glas gespült. Glücklicher als montags habe ich sie nie gesehen.
Zehntens: Beim Abschied geht man mit bis zur Tür. Sie hat das bei jedem Gast getan, jeden Abend, 41 Jahre lang, und an der Tür hat sie jedem denselben Satz mitgegeben. Heute bringen wir sie zur Tür, und ich gebe ihr den Satz zurück.
Komm gut heim, Mama.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Ein Brief an Mama
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Taxizentrale, ich habe lange überlegt, was ich heute über Doris Wegener, meine Mutter, sagen soll. Dann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht über sie reden will, sondern mit ihr. Ich habe ihr deshalb einen Brief geschrieben. Den lese ich jetzt vor.
Liebe Mama, du bist 26 Jahre lang in Bremen Taxi gefahren, fast immer nachts. Andere Mütter waren abends da und morgens weg. Bei uns war es umgekehrt. Wenn ich zur Schule musste, kamst du gerade heim, todmüde, hast mir das Pausenbrot geschmiert und gefragt, ob ich die Vokabeln kann. Ich konnte sie meistens nicht. Du hast mich am Küchentisch abgefragt, im Mantel, den Autoschlüssel noch in der Hand.
Ich habe mich als Kind manchmal geschämt, dass meine Mutter Taxi fährt. Das schreibe ich dir heute, weil ich es dir nie gesagt habe. Die anderen Mütter waren Lehrerin oder saßen im Büro. Du warst die mit dem elfenbeinfarbenen Wagen und der Thermoskanne. Was ich an dir hatte, habe ich erst mit 16 verstanden.
Da hast du angefangen, mich von jeder Feier abzuholen. Egal wo, egal wann. Du hast deine Schicht unterbrochen, das Taxameter ausgeschaltet und an der Ecke gewartet, damit meine Freunde dich nicht sehen. Das Abholen war umsonst. Das Verhör auf der Rückfahrt nicht. „Steig ein“, hast du gesagt, „reden können wir unterwegs.“ Und das haben wir. Im Auto habe ich dir Dinge erzählt, die ich dir am Küchentisch nie erzählt hätte. Vielleicht, weil du dabei nach vorn schauen musstest.
Du kanntest die Stadt, wie sie nachts ist. Du hast Betrunkene nach Hause gebracht und eine Schwangere in die Klinik, einmal sehr knapp. Du hast alten Damen die Taschen in den dritten Stock getragen und bist trotzdem nie zu spät gekommen, wenn ich irgendwo stand und fror. Als ich größer war, bist du an Heiligabend freiwillig gefahren, damit die Kollegen mit kleinen Kindern zu Hause sein konnten. Beschert haben wir dann eben am ersten Feiertag. Gefehlt hat mir nichts.
Als du krank wurdest, haben wir die Plätze getauscht. Ich bin gefahren, du hast daneben gesessen. Zur Klinik, zurück, zur Klinik, zwei Jahre lang. Du hast jede meiner Abkürzungen kritisiert. Du hattest jedes Mal recht. Und wir haben wieder geredet wie früher, beide mit dem Blick nach vorn. Es waren schwere Fahrten. Es waren auch unsere besten.
Auf einer dieser Fahrten hast du gesagt, du hättest damals gern mehr Zeit für mich gehabt. Mama, ich habe nie eine Mutter gebraucht, die mehr Zeit hat. Ich hatte eine, die gekommen ist. Immer.
Du hast mich überall abgeholt. Heute kann ich dich nur bringen. Es ist die eine Fahrt, von der wir nicht zusammen zurückkommen.
Ich danke dir für jede Nacht, in der du für uns unterwegs warst. Das Taxameter bleibt aus, Mama. Diese Fahrt geht auf mich.
Deine Anja
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Trauerrede für die Mutter mal anders: Welche Formen es gibt
„Mal anders“ heißt nicht originell um jeden Preis. Es heißt, eine Form zu wählen, die zu Ihrer Mutter passt und Ihnen das Sprechen leichter macht. Diese Formen haben sich bewährt:
- Die Liste: Dinge, die sie Ihnen beigebracht hat, ihre Sätze, ihre Regeln. Eine Liste gibt Halt beim Schreiben und beim Vortragen, denn jeder Punkt ist ein neuer Anfang.
- Der Brief: Sie sprechen nicht über Ihre Mutter, sondern mit ihr. Das erlaubt Sätze, die in einer klassischen Rede keinen Platz hätten, auch ein Geständnis oder ein spätes Danke.
- Ein Gegenstand: ihre Handtasche, ihr Rezeptheft, ihr Schlüsselbund. Sie bringen ihn mit und erzählen, was daran hängt.
- Ein gewöhnlicher Tag: ein Dienstag in ihrem Leben von morgens bis abends, statt achtzig Jahren im Zeitraffer.
Weitere Formen mit Beispielen für andere Angehörige finden Sie unter Trauerrede mal anders.
Wo die Grenzen liegen
Eine ungewohnte Form ändert nichts daran, dass in der Trauerhalle Menschen sitzen, die weinen. Drei Grenzen gelten immer:
- Die Form dient der verstorbenen Mutter, nicht dem Auftritt. Wenn die Trauergäste hinterher über die Idee sprechen statt über sie, war es zu viel.
- Kein Witz über den Tod, keine Abrechnung, nichts, was Anwesende bloßstellt. Humor, der aus ihrem Wesen kommt, ist etwas anderes. Beispiele dafür zeigt die Seite humorvolle Trauerrede.
- Sprechen Sie die Form vorher mit den nächsten Angehörigen ab und sagen Sie dem Bestatter, dem Trauerredner oder dem Pfarrer Bescheid. Niemand sollte überrascht werden.
Hilfreich ist ein einleitender Satz, der die Form erklärt, so wie in beiden Beispielen. Dann wissen die Zuhörer, worauf sie sich einlassen.
So finden Sie die passende Form
Fragen Sie sich, wie Ihre Mutter selbst gesprochen hat. Eine Frau der klaren Ansagen verträgt eine Liste. Eine, die lange Gespräche liebte, vielleicht einen Brief. Schreiben Sie zuerst alles auf, was Ihnen einfällt, und sortieren Sie danach.
Wenn Sie merken, dass die besondere Form Sie mehr anstrengt als trägt, ist eine klassische Trauerrede für die Mutter keine schlechtere Wahl. Und wenn Sie beim Sammeln der Erinnerungen Unterstützung möchten, führt Sie unser Fragebogen Schritt für Schritt durch die wichtigsten Fragen.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Passt eine Trauerrede mal anders auch in eine kirchliche Trauerfeier?
Sprechen Sie es vorher mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin ab. Ein Brief oder eine Liste ist in der Form ungewohnt, im Inhalt aber eine persönliche Ansprache wie jede andere, und dafür ist in vielen Trauerfeiern Raum.
Darf ich meine verstorbene Mutter in der Rede direkt ansprechen?
Ja. Viele Angehörige empfinden das Du als natürlicher als das Sprechen in der dritten Person. Der Brief macht daraus die ganze Form. In einer klassischen Rede genügt es, zum Schluss in die direkte Anrede zu wechseln.
Wie viele Punkte sollte eine Liste haben?
Sieben bis zwölf Punkte lassen sich in drei bis vier Minuten gut vortragen. Mischen Sie alltägliche und ernste Punkte, und heben Sie den wichtigsten für den Schluss auf.
Was tun, wenn ein Teil der Familie die Idee unpassend findet?
Nehmen Sie das ernst und zeigen Sie den Text vorab. Die meisten Bedenken gelten der Vorstellung, nicht dem tatsächlichen Wortlaut. Bleiben Zweifel, wählen Sie die klassische Form und übernehmen Sie ein Element, zum Beispiel drei Punkte aus Ihrer Liste.
Kann ich den Brief nach der Trauerfeier mit ins Grab geben?
Viele Angehörige möchten den Brief zum Sarg oder zur Urne legen. Ob und wie das möglich ist, klären Sie am besten vorher mit dem Bestatter.