Beispiel 1: Die Nachbarin spricht
Liebe Familie Albrecht, liebe Trauergäste, ich heiße Renate Köhler und habe noch nie eine Rede gehalten. Ich bin nur die Nachbarin. Aber Ihr Vater hat 38 Jahre Wand an Wand mit uns gewohnt, und Sie haben mich gebeten, ein paar Worte zu sagen. Das tue ich gern, auch wenn mir die Knie zittern.
Herr Albrecht und ich haben uns bis zum Schluss gesiezt. Das klingt heute vielleicht steif. Es war das Gegenteil. Ich habe wenigen Menschen so vertraut wie ihm. Unser Ersatzschlüssel lag seit 1987 in seiner Flurkommode und seiner in unserer.
Er war Lokführer, erst bei der Reichsbahn, dann bei der Bahn, und so hat er auch gelebt: nach Fahrplan. Um sechs ging in seiner Küche das Licht an. Um halb sieben hat er den Gehweg gefegt, seinen und unseren gleich mit. Im Winter war der Schnee geräumt, bevor wir aufgestanden sind.
Einmal wollte ich mich mit einer Flasche Wein bedanken. Er hat sie angenommen und mir am nächsten Tag ein Glas eingelegte Gurken über den Zaun gereicht. Bei ihm durfte man nichts schuldig bleiben, und er selbst wollte es auch nicht.
Als mein Mann vor sechs Jahren im Krankenhaus lag, stand jeden Abend ein Topf Suppe auf unserer Treppe. Kein Zettel, kein Klingeln. Ich wusste, von wem er kam. Als ich die Töpfe zurückbrachte, hat er nur gesagt: „Man hilft sich.“ Mehr Worte hat er darum nicht gemacht.
Seit dem Tod seiner Frau war er viel allein. Beklagt hat er sich nie. Aber wenn ich im Garten war, kam er an den Zaun, und aus fünf Minuten wurde eine Stunde. Ich habe dabei viel über Rosen gelernt und einiges über Anstand.
Liebe Familie Albrecht, Ihr Vater hat nie Aufhebens von sich gemacht. Deshalb sage ich es heute für ihn: Er war ein feiner Mensch. Morgens um sechs bleibt es drüben jetzt dunkel. Ich schaue trotzdem jeden Tag hinüber.
Herr Albrecht, danke für 38 Jahre. Den Gehweg fege ich ab jetzt selbst. Ihren auch.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Das Patenkind spricht
Liebe Familie, liebe Freunde von Gisela, ich bin Florian, Giselas Patenkind. Ich stehe zum ersten Mal vor so vielen Menschen und halte mich deshalb an meinem Zettel fest. Gisela hätte gesagt: „Beide Hände ans Lenkrad, dann kann nichts passieren.“
Gisela war Fahrlehrerin in Oldenburg, 35 Jahre lang. Als sie anfing, haben die meisten Fahrschüler erst einmal gefragt, wann denn der Chef kommt. Sie war der Chef. Eigene Kinder hatte sie nicht, aber die halbe Stadt hat bei ihr das Einparken gelernt. Und wer bei ihr durch die Prüfung fiel, hat sich trotzdem mit Handschlag bedankt.
Für mich war sie die Frau mit dem kleinen roten Auto. Jedes Jahr am Samstag nach meinem Geburtstag stand es vor unserer Tür. Das war der Patentag. Wir sind auf den Kramermarkt gefahren, ans Wasser nach Dangast oder einfach zu ihr, und es galt eine einzige Regel: Was am Patentag passiert, erfahren die Eltern nicht. Ich habe an diesen Tagen meine erste Achterbahn erlebt, meine erste Currywurst und meinen ersten Film ab sechzehn. Mit zwölf.
Sie hat mich nie gefragt, was ich einmal werden will. Sie hat gefragt: „Und, was macht dir gerade Spaß?“ Dann hat sie zugehört, ohne gleich einen Rat zu geben. Als ich mit neunzehn das Studium abgebrochen habe, war sie die Erste, der ich es erzählt habe. Sie hat genickt und gesagt: „Falsch abgebogen. Kommt vor. Dann wendest du eben.“
Mit siebzehn hat sie mir das Fahren beigebracht, auf einem Feldweg bei Wardenburg, lange vor der ersten offiziellen Stunde. „Schulterblick, Junge“, hat sie gesagt, immer wieder. Schau, wer neben dir ist, bevor du die Spur wechselst. Ich habe erst später verstanden, dass sie damit nicht nur das Autofahren meinte.
In den letzten Monaten konnte sie nicht mehr selbst fahren. Da habe ich sie samstags abgeholt, und wir haben den Patentag einfach umgedreht. Sie saß rechts und hat meinen Fahrstil kommentiert. Er war ihr zu forsch. Ich habe jede Minute genossen.
Gisela, du hast bei meiner Taufe versprochen, mich ein Stück zu begleiten. Ich war vier Monate alt und wusste nichts davon. Du hast es vierunddreißig Jahre lang getan.
Ich mache den Schulterblick. Jedes Mal. Danke, dass du neben mir gesessen hast.
Beispiel 3: Der Arbeitgeber spricht
Liebe Familie Krause, liebe Trauergäste, ich bin Stefan Hartmann. Monika Krause hat 31 Jahre lang in unserem Malerbetrieb in Würzburg gearbeitet. Ich bin Handwerker, kein Redner. Aber heute zu schweigen, wäre mir falsch vorgekommen.
Als ich den Betrieb 1996 von meinem Vater übernommen habe, war ich 28 und hatte von Buchhaltung keine Ahnung. Frau Krause hat mich am ersten Morgen angesehen und gesagt: „Sie machen die Farben, ich mache den Rest.“ So haben wir es gehalten. Drei Jahrzehnte lang.
Der Rest, das war viel. Angebote, Löhne, Mahnungen, das Finanzamt. Aber auch der Geburtstag von jedem Gesellen, die Namen der Kinder und der Name vom Hund der Kundin in der Sanderau. Wenn jemand bei uns anrief, wusste sie nach zwei Sätzen, wer dran war und welche Wand er gestrichen haben wollte.
Meine Briefe hat sie mit rotem Stift korrigiert. Jeden, auch nach zwanzig Jahren noch. Anfangs habe ich mich geärgert, später habe ich nichts mehr ohne ihren Blick hinausgeschickt. Diese Rede ist seit langer Zeit der erste Text, den sie nicht gegengelesen hat. Man wird es merken.
Unsere Lehrlinge sind zu ihr gegangen, nicht zu mir, wenn es Ärger gab. Mit der Berufsschule, mit dem Geld, mit zu Hause. Sie hat die Tür zugemacht, Tee gekocht und gesagt: „Das klären wir.“ Und dann hat sie es geklärt. Zwei von ihnen sind heute selbst Meister. Sie sitzen dort hinten, und sie haben mir gesagt, dass sie ohne Frau Krause nicht durchgehalten hätten.
Geduzt haben wir uns nie. Sie wollte das nicht. „Im Büro bleibt es beim Sie, das hält länger“, hat sie gesagt. Sie hatte recht, wie meistens.
Liebe Familie Krause, wir wissen, dass wir Monika oft länger bei uns hatten, als es Ihnen lieb war. Beim Jahresabschluss, vor Weihnachten, wenn ein großer Auftrag klemmte. Dafür möchte ich Ihnen heute danken, im Namen aller vierzehn Mitarbeiter.
Frau Krause, Ihr Schreibtisch steht noch so da, wie Sie ihn verlassen haben. Der rote Stift liegt rechts neben der Tastatur. Ich lasse ihn dort liegen. Danke für alles. Den Rest versuchen wir jetzt selbst, so gut wir können.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Wer hält die Rede bei einer Beerdigung?
Bei einer kirchlichen Beerdigung hält in der Regel der Pfarrer oder die Pfarrerin die Ansprache. Bei einer freien Trauerfeier übernimmt das meist ein Trauerredner, den die Familie selbst oder über den Bestatter beauftragt. In beiden Fällen können weitere Menschen sprechen: Kinder, Enkel, Geschwister, Freunde, Nachbarn, Patenkinder, Arbeitgeber, Kollegen oder Vertreter eines Vereins. Manche Familien verzichten ganz auf einen bestellten Redner und gestalten den Abschied allein.
Wenn Sie nicht zur engsten Familie gehören, fragen Sie die Angehörigen, bevor Sie etwas vorbereiten. Die meisten freuen sich über das Angebot. Hinweise für einzelne Rollen finden Sie unter Trauerrede für einen Freund und Trauerrede für ein Vereinsmitglied.
Übliche Reihenfolge der Redner
Eine feste Vorschrift gibt es nicht, bewährt hat sich diese Abfolge:
- Pfarrer oder Trauerredner mit der Hauptansprache
- Angehörige, zum Beispiel ein Kind oder Enkelkind
- Freunde, Nachbarn, Patenkinder
- Arbeitgeber, Kollegen und Vereine, meist mit einem kurzen Nachruf
Je weiter hinten Sie sprechen, desto kürzer sollte Ihr Beitrag sein. Manche Beiträge passen besser an das Grab als in die Trauerhalle, Beispiele dafür finden Sie auf der Seite Grabrede. Sprechen Sie sich mit den anderen Rednern ab, damit dieselbe Anekdote nicht zweimal erzählt wird.
Länge mit Bestatter oder Pfarrer abstimmen
Die Zeit in einer Trauerhalle ist meist begrenzt, und auch ein Gottesdienst hat seinen Ablauf. Nennen Sie deshalb dem Bestatter, dem Pfarrer oder der Trauerrednerin frühzeitig, dass Sie sprechen möchten und wie lange. Als zusätzlicher Redner sind zwei bis drei Minuten ein gutes Maß, das sind etwa 250 bis 400 Wörter. Fragen Sie auch, ob es ein Pult und ein Mikrofon gibt und wann Sie nach vorn kommen sollen.
Wenn Sie noch nie eine Rede gehalten haben
Eine Trauerrede bei der Beerdigung zu halten, ist auch ohne Übung leichter, als es sich vorher anfühlt. Fünf Hinweise helfen:
- Sagen Sie es offen. Ein Satz wie „Ich habe noch nie eine Rede gehalten“ nimmt Ihnen den Druck, und die Trauergäste sind auf Ihrer Seite.
- Stellen Sie sich vor. Nicht jeder im Raum kennt Sie. Name und Verbindung zum Verstorbenen genügen.
- Erzählen Sie, was nur Sie wissen. Die Familie kennt den Vater, Sie kennen den Nachbarn, die Patentante, die Kollegin. Eine oder zwei kleine Szenen aus Ihrer Sicht sind wertvoller als ein Überblick über das ganze Leben.
- Wenden Sie sich an die Familie. Ein Satz des Dankes oder Mitgefühls an die Angehörigen gehört in jede Rede von außen.
- Lesen Sie ab. Niemand erwartet freies Sprechen. Große Schrift, kurze Absätze und eine laute Probe zu Hause helfen mehr als jedes Talent.
Eine Anleitung Schritt für Schritt finden Sie unter Trauerrede schreiben, Hilfen für den Vortrag unter Trauerrede halten. Wenn Sie lieber mit Fragen zu Ihren Erinnerungen beginnen, nutzen Sie den Fragebogen.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Wer hält bei einer Beerdigung die Rede?
Meist der Pfarrer bei einer kirchlichen und ein Trauerredner bei einer freien Trauerfeier. Zusätzlich oder stattdessen können Angehörige, Freunde, Nachbarn, Arbeitgeber oder Vereinsvertreter sprechen, wenn die Familie einverstanden ist.
Wie lang sollte eine Rede zur Beerdigung sein?
Als zusätzlicher Redner genügen zwei bis drei Minuten. Wer die einzige oder die wichtigste Rede hält, darf länger sprechen. Stimmen Sie die Dauer in jedem Fall mit dem Bestatter oder dem Pfarrer ab.
Darf ich als Nachbar oder Kollege bei der Trauerfeier sprechen?
Ja, wenn die Angehörigen es wünschen oder zustimmen. Fragen Sie die Familie rechtzeitig und sagen Sie dazu, wie lange Sie sprechen möchten und worüber.
Wie beginne ich meine Rede, wenn mich kaum jemand kennt?
Mit der Anrede der Familie und der Trauergäste, danach mit Ihrem Namen und Ihrer Verbindung zum Verstorbenen. Zum Beispiel: „Ich bin Renate Köhler und war 38 Jahre lang seine Nachbarin.“ Danach können Sie direkt mit einer Erinnerung fortfahren.
Was tue ich, wenn mir beim Sprechen die Stimme versagt?
Machen Sie eine Pause, atmen Sie ruhig aus und trinken Sie einen Schluck Wasser. Niemand nimmt Ihnen Tränen übel. Hilfreich ist eine Person, die eine Kopie Ihres Textes hat und notfalls weiterliest.