Beispiel 1: Für den großen Bruder, von der Schwester gesprochen
Liebe Sabine, liebe Lena, lieber Moritz, liebe Familie, liebe Freunde und Kollegen von Andreas,
mein Bruder hat mir das Fahrradfahren beigebracht, und zwar mit einer Lüge. Ich war fünf, er war elf. Er lief hinter mir her, die Hand am Gepäckträger, den Feldweg hinter unserem Haus entlang, und rief: „Ich halte dich, ich halte dich!“ Irgendwann drehte ich mich um, und da stand er, dreißig Meter hinter mir, und grinste. Er hatte längst losgelassen. Ich bin vor Schreck in die Brennnesseln gefahren. Aber ich konnte Fahrrad fahren.
So war Andreas mein ganzes Leben lang. Er hat einen gehalten, solange man es brauchte, und er wusste genau, wann er loslassen konnte.
Andreas wurde 1966 in Bad Schwartau geboren, sechs Jahre vor mir. Er war der Große, ich war das Anhängsel. Er musste mich mitnehmen, zum Baden, auf den Bolzplatz, einmal sogar ins Kino, und er hat es getan. Mit Augenrollen, aber er hat es getan. Wenn mich in der Schule jemand geärgert hat, stand am nächsten Tag ein sehr großer Junge am Schultor und hat einfach nur geguckt. Das reichte.
Dass er Krankenpfleger wurde, hat damals manche gewundert. Mich nicht. 34 Jahre hat er in Lübeck im Krankenhaus gearbeitet, die meiste Zeit auf der Inneren, oft nachts. Seine Kolleginnen haben mir in dieser Woche erzählt, dass bei ihm auch die schwierigsten Patienten ruhig wurden. Er hat sich auf die Bettkante gesetzt und nichts Besonderes gesagt. Er war einfach da. „Die meisten Leute brauchen keinen Rat“, hat er mir einmal erklärt. „Die brauchen jemanden, der nicht wegläuft.“
Als er selbst krank wurde, hat er es gehalten wie im Dienst: ruhig, genau, ohne Drama. Er hat uns getröstet, nicht wir ihn. Bei meinem letzten Besuch hat er gefragt: „Na, Kleine, kommst du klar?“ Ich habe Ja gesagt. Das war auch eine Lüge, und er hat es gewusst.
Sabine, Lena, Moritz: Er hat bis zum Schluss von euch gesprochen. Das Foto von Lenas Examensfeier und das von Moritz auf dem Baugerüst hat er jedem gezeigt, der ins Zimmer kam, auch dem Chefarzt. Zweimal.
Andreas, großer Bruder. Du hast wieder losgelassen, und wieder viel früher, als ich dachte. Ich fahre gerade ziemlich wacklig. Aber ich fahre. Das habe ich von dir.
Danke, dass du mich gehalten hast. Und danke, dass du mir zugetraut hast, dass ich es allein kann.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Unter Brüdern, mit trockenem Humor
Liebe Gisela, liebe Familie, liebe Freunde,
mein Bruder Jürgen und ich haben in fast siebzig Jahren ungefähr vier ernste Gespräche geführt. Das ist kein Vorwurf. Das war bei uns so. Wir haben telefoniert, jeden Sonntag nach dem Mittagessen, und das ging so: „Na?“ „Muss.“ „Und selbst?“ „Auch.“ „Dann is ja gut.“ Aufgelegt. Meine Frau hat mich jedes Mal gefragt, was er erzählt hat, und ich habe gesagt: alles. Es stimmte auch.
Jürgen war zwei Jahre älter als ich. Wir sind in Gelsenkirchen-Buer groß geworden, in einer Zechensiedlung, drei Zimmer, fünf Personen. Er und ich haben uns zwölf Jahre lang ein Etagenbett geteilt. Er oben, ich unten, das stand nie zur Verhandlung. Ich kenne die Unterseite seiner Matratze besser als mein eigenes Gesicht. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, hat er mit dem Fuß gegen das Gestell geklopft. Dreimal kurz. Das hieß: Bin wach. Bin da.
Wir haben uns geprügelt, natürlich. Um den Ball, um das letzte Stück Wurst, einmal um ein Mädchen namens Renate, die dann keinen von uns wollte. Aber wehe, ein anderer hat mich angefasst. Dann stand Jürgen da, und dann war Ruhe auf dem Hof.
Er ist mit fünfzehn auf den Pütt gegangen wie unser Vater. Als die Zeche zumachte, hat er umgeschult und ist dreißig Jahre Bus gefahren, kreuz und quer durch die Stadt. Er kannte jede Haltestelle und jeden Stammgast. Frau Kowalski mit dem Rollator hat er bis vor die Haustür gefahren, was streng genommen keine Haltestelle war. „Dat merkt doch keiner“, hat er gesagt.
Als unser Vater starb, stand ich am Grab und wusste nicht, wohin mit mir. Jürgen stellte sich neben mich. Er hat nichts gesagt. Er hat mir den Ellbogen in die Seite gedrückt, dreimal kurz. Ich wusste sofort, was das hieß.
Als ich vor sechs Jahren operiert wurde, saß er jeden Tag an meinem Bett, vier Wochen lang. Er hat Kreuzworträtsel gelöst und mich nach Flüssen mit vier Buchstaben gefragt. Über die Krankheit haben wir kein Wort verloren. Bei der Entlassung sagte er: „Mach dat nich nochmal.“ Das war Gespräch Nummer drei von vieren.
Das vierte war im letzten Herbst, an seinem Siebzigsten, spät am Abend auf dem Balkon. Er sagte: „Hömma. Wenn mal wat is: War gut mit dir.“ Ich habe geantwortet: „Red keinen Quatsch.“ Heute bin ich froh, dass er ihn geredet hat. Und ich ärgere mich, dass ich nicht dasselbe gesagt habe. Deshalb sage ich es jetzt, vor allen Leuten, was ihm furchtbar peinlich wäre.
War gut mit dir, Jürgen. War sehr gut mit dir. Ich hätte keinen anderen Bruder gewollt, nicht einmal für das obere Bett.
Am Sonntag nach dem Essen wird das Telefon still bleiben. Ich werde trotzdem kurz danebensitzen. Na? Muss. Dann is ja gut.
Und jetzt klopfe ich dreimal aufs Holz, Jürgen. Du weißt, was das heißt. Bin wach. Bin da.
Beispiel 3: Für den jung verstorbenen Bruder
Liebe Mama, lieber Papa, liebe Familie, liebe Freunde von Felix,
ich habe keine Rede, die das hier erklärt. Es gibt keine. Felix war 24. Ein Bruder stirbt nicht mit 24, so ist das nicht vorgesehen, und ich werde heute nicht so tun, als könnte ich darin einen Sinn finden. Ich kann nur von ihm erzählen. Das will ich tun, so gut es geht.
Felix kam zur Welt, als ich fünf war, und ich war zuerst beleidigt. Ich hatte mir einen Hund gewünscht. Nach ein paar Wochen habe ich beschlossen, dass er meiner ist. Ich habe ihn im Puppenwagen durch den Garten geschoben, ich habe ihm das Schuhebinden beigebracht und später das Abschreiben, ohne erwischt zu werden. Er hat mich „Große“ genannt, sein Leben lang. Auch als er längst einen Kopf größer war als ich.
Er war der unpünktlichste Mensch, den ich kenne. Er kam zu jedem Geburtstag zu spät, aber immer mit etwas Selbstgemachtem: einem schiefen Regal, einem Glas eingelegter Zitronen, einmal mit einer Kassette, obwohl keiner von uns mehr ein Kassettendeck hatte. „Dann besorgst du dir eben eins, Große.“ Ich habe mir eins besorgt.
Von jeder Reise hat er Steine mitgebracht. Keine besonderen, einfach Steine: vom Strand in Dänemark, von einem Parkplatz in den Alpen, aus der Donau vor unserer Haustür. Mit Filzstift hat er Ort und Datum daraufgeschrieben. Auf seinem Fensterbrett in Regensburg liegen einundsechzig Stück. Ich habe sie gezählt. Der letzte ist vom Mai.
Und er konnte zuhören. Wenn es mir schlecht ging, hat er sich aufs Rad gesetzt und stand eine halbe Stunde später vor meiner Tür, mit zwei Bechern Kakao vom Kiosk, und sagte: „Erzähl.“ Mehr brauchte es nicht. Ihr, seine Freunde, ich sehe euch hier sitzen, so viele: Ich weiß, dass er das für jeden von euch genauso gemacht hat.
Mama, Papa: Ihr habt einen Menschen großgezogen, der in 24 Jahren sehr viel Wärme verteilt hat. Das bleibt wahr, egal wie weh es heute tut.
Felix, Kleiner. Ich weiß nicht, wie man große Schwester ist ohne kleinen Bruder. Ich werde es lernen müssen, und ich werde dabei oft wütend sein und oft traurig. Aber ich habe mir einen Stein von deinem Fensterbrett genommen, den aus der Donau. Er liegt in meiner Jackentasche, und da bleibt er.
Danke, dass du meiner warst. Deine Große.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was eine Trauerrede für den Bruder besonders macht
Geschwister kennen einander länger als irgendjemand sonst: länger als die Ehefrau, länger als die Freunde, oft länger, als die Eltern leben. Wer eine Trauerrede für den Bruder hält, spricht deshalb als Zeuge. Sie wissen, wie er mit acht Jahren war, wovor er Angst hatte und womit man ihn zum Lachen brachte. Das kann in der Trauerfeier niemand außer Ihnen erzählen. Seinen Lebenslauf, den Beruf und das Vereinsleben dürfen Sie getrost anderen überlassen oder in zwei Sätzen zusammenfassen.
Die gemeinsame Kindheit als Material
Die stärksten Bilder liegen meist weit zurück. Nehmen Sie sich eine halbe Stunde, vielleicht mit alten Fotos, und gehen Sie diese Fragen durch:
- Welche Rollen hatten wir: der Große und die Kleine, der Vernünftige und der Wilde?
- Was haben wir geteilt: ein Zimmer, ein Fahrrad, einen Schulweg, ein Geheimnis vor den Eltern?
- Wann hat er mich beschützt, und wann habe ich ihn gedeckt?
- Worüber haben wir gestritten, und wie haben wir uns wieder vertragen?
- Welches Zeichen, welchen Spitznamen oder Spruch gab es nur zwischen uns?
Wählen Sie eine Szene aus der Kindheit und eine aus dem Erwachsenenleben, in der dieselbe Eigenschaft wieder auftaucht. So entsteht ein roter Faden, wie das Loslassen im ersten oder das Klopfzeichen im zweiten Beispiel. Weitere Anregungen finden Sie unter persönliche Trauerrede, den Grundaufbau unter Aufbau einer Trauerrede.
Neben Partnerin, Kindern und Eltern sprechen
Hinterlässt Ihr Bruder eine Partnerin, Kinder oder leben die Eltern noch, stehen diese der Trauerfeier am nächsten. Fragen Sie früh, ob und wie lange Sie sprechen dürfen, und stimmen Sie sich mit dem Bestatter, dem Pfarrer oder dem Trauerredner ab. Sprechen Sie die engsten Angehörigen zu Beginn mit Namen an und richten Sie an einer Stelle ein Wort direkt an sie. Ihr Teil bleibt die Geschwistersicht. Sind mehrere Geschwister da, kann einer für alle sprechen, oder Sie teilen sich den Text.
Wenn der Bruder jung gestorben ist
Hier gelten eigene Regeln. Versuchen Sie nicht, den Tod zu erklären oder ihm einen Sinn zu geben. Sätze wie „Es sollte so sein“ verletzen eher, als dass sie trösten. Sie dürfen aussprechen, dass es zu früh und nicht gerecht ist. Die Todesursache müssen Sie nicht nennen. Ob und wie darüber gesprochen wird, entscheidet allein die engste Familie. Erzählen Sie stattdessen von seinem Leben: was er mochte, wie er lachte, was er für seine Freunde war. Richten Sie ein Wort an die Eltern und an die Freunde, die oft zahlreich kommen. Und halten Sie den Text eher kurz. Beispiele dafür finden Sie unter kurze Trauerrede.
Wenn das Verhältnis nicht einfach war
Zwischen Geschwistern gibt es Funkstille, Erbstreit, alte Kränkungen. Nichts davon gehört in die Rede, aber Sie müssen auch keine Harmonie erfinden. Ein Satz wie „Wir haben uns nicht immer verstanden, aber wir sind Brüder geblieben“ ist ehrlich und genügt. Danach erzählen Sie, was Sie verbunden hat. Wer für die Schwester spricht, findet eigene Beispiele unter Trauerrede für die Schwester. Hinweise für den Vortrag stehen unter Trauerrede halten.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Wie lang sollte eine Trauerrede für den Bruder sein?
Drei bis fünf Minuten sind ein gutes Maß, wenn Sie als einziges Familienmitglied sprechen. Reden außerdem die Partnerin, ein Kind oder ein Trauerredner, genügen zwei bis drei Minuten. Klären Sie die Zeit vorab mit dem Bestatter oder der Person, die durch die Trauerfeier führt.
Darf ich als Schwester oder Bruder sprechen, wenn es eine Ehefrau und Kinder gibt?
Ja, das ist üblich und wird oft als Entlastung empfunden. Fragen Sie die engsten Angehörigen vorher und zeigen Sie ihnen den Text, wenn sie das möchten. Ihre Rede ergänzt dann die Sicht der Familie um die gemeinsame Kindheit.
Muss ich die Todesursache erwähnen?
Nein. Viele Reden kommen ganz ohne sie aus oder deuten sie nur mit einem Satz an, etwa „nach schwerer Krankheit“ oder „plötzlich“. Richten Sie sich nach dem Wunsch der engsten Familie, besonders wenn Ihr Bruder jung gestorben ist.
Ich soll die Trauerrede für meinen Bruder halten, aber wir hatten lange kaum Kontakt. Geht das?
Ja. Sprechen Sie über die Zeit, die Sie geteilt haben, meist die Kindheit und Jugend, und sagen Sie ruhig in einem Satz, dass die Wege später auseinandergingen. Niemand erwartet, dass Sie über Jahre berichten, die Sie nicht miterlebt haben. Fragen Sie Freunde oder die Partnerin nach einer Erinnerung aus der letzten Zeit.
Was mache ich, wenn ich die Rede nicht zu Ende bringe?
Machen Sie eine Pause, atmen Sie aus und schauen Sie auf Ihr Blatt. Die Trauergäste warten geduldig. Geben Sie vorher einer vertrauten Person eine Kopie, die notfalls weiterliest. Wenn Ihnen schon das Schreiben schwerfällt, hilft der Fragebogen beim Sortieren der Erinnerungen.