Beispiel 1: Ein typischer Satz als roter Faden
Liebe Familie, liebe Nachbarn und Freundinnen von Gisela, liebe ehemalige Kolleginnen,
„Na, dann wollen wir mal.“ Wer meine Tante Gisela kannte, hat diesen Satz im Ohr. Sie hat ihn gesagt, bevor sie den Motor ihres alten Golfs anließ. Sie hat ihn gesagt, bevor sie mir als Kind einen Splitter aus dem Fuß zog. Und sie hat ihn, das haben mir ihre Kolleginnen erzählt, vierzig Jahre lang zu Beginn jeder Nachtschicht gesagt, auf der Inneren im Krankenhaus in Bremerhaven, wenn sie den Kittel zuknöpfte und über den Flur ging.
In diesem Satz steckt die ganze Gisela. Kein Seufzen, kein Zögern, kein großes Aufheben. Wenn etwas getan werden musste, hat sie es getan. Als meine Mutter, ihre jüngere Schwester, nach der Scheidung mit zwei Kindern dastand, kam Gisela am Wochenende mit dem Zug, stellte ihre Tasche in den Flur, sah sich um und sagte: „Na, dann wollen wir mal.“ Am Sonntagabend waren die Gardinen gewaschen, der Kühlschrank war voll, und meine Mutter hatte zum ersten Mal seit Wochen durchgeschlafen.
Gisela wurde 1945 in Bremerhaven geboren und ist nie weggezogen. Sie hat nicht geheiratet und keine eigenen Kinder bekommen. Bedauert hat sie das, soweit ich weiß, nicht. „Ich habe jede Nacht dreißig Leute, die nach mir klingeln“, hat sie gesagt, „das reicht mir an Familie.“ Aber das stimmte nicht ganz. Wir waren ihre Familie, mein Bruder und ich. Sie hat uns das Schwimmen beigebracht, im Freibad, mit einer Geduld, die sie für Erwachsene nicht hatte. Und sie hat uns beigebracht, dass man Krabben selbst pult und nicht fertig kauft.
Sie konnte streng sein. Wer in ihrer Gegenwart jammerte, bekam eine Tasse Tee und genau fünf Minuten. Dann kam der Satz, und es wurde etwas unternommen.
Im Frühjahr, als feststand, dass sie nicht mehr gesund wird, habe ich sie im Hospiz besucht. Ich saß an ihrem Bett und wusste nicht, was ich sagen soll. Sie hat mich eine Weile angesehen und dann gesagt: „Kind, guck nicht so. Ich habe so viele Menschen auf diesem Weg begleitet. Ich weiß, wie das geht. Na, dann wollen wir mal.“
Ich habe noch nie jemanden so mutig erlebt. Und ich habe noch nie erlebt, dass fünf kleine Wörter so trösten können.
Tante Gisela, danke für das Schwimmen, für die Wochenenden, für jeden gezogenen Splitter. Wir müssen jetzt ohne dich weitermachen, und wir wissen nicht recht, wie. Aber wir wissen, was du sagen würdest. Na, dann wollen wir mal.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Ein Gegenstand erzählt ein Leben
Liebe Familie, liebe Freunde und Weggefährten meiner Mutter,
ich habe etwas mitgebracht. Es ist ein kleines Buch, roter Kunstledereinband, an den Ecken abgestoßen, zusammengehalten von einem Einmachgummi. Es ist das Adressbuch meiner Mutter. Sie hat es 1962 zur Konfirmation bekommen und seitdem geführt, mehr als sechzig Jahre lang. Als wir in der vergangenen Woche ihre Wohnung in Kassel durchgesehen haben, lag es dort, wo es immer lag: neben dem Telefon, mit einem Kugelschreiber an einer Schnur.
Wer dieses Buch aufschlägt, liest ein Leben. Unter B steht ihre Schulfreundin Bärbel, und daneben stehen vier durchgestrichene Adressen: Kassel, Hannover, Toronto, wieder Hannover. Die fünfte gilt noch, ein Pflegeheim in Baunatal. Meine Mutter ist jeder dieser Adressen hinterhergeschrieben. Zum Geburtstag, zu Weihnachten und immer dann, wenn sie fand, es sei mal wieder Zeit.
Bei vielen Namen hat sie im Lauf der Jahre etwas dazugeschrieben, in ihrer kleinen, geraden Sekretärinnenschrift. Die Namen der Kinder, sobald sie geboren waren. „Mag keine Rosinen.“ „Mann verstorben 1998, im März anrufen.“ Wir dachten immer, sie habe ein phänomenales Gedächtnis. Sie hatte ein Buch. Sie hat aufgeschrieben, was anderen wichtig war, weil sie es nicht vergessen wollte.
Marianne hat vierunddreißig Jahre im Vorzimmer des Bauamts gearbeitet. Drei Amtsleiter sind gekommen und gegangen, sie ist geblieben, und jeder von ihnen hat irgendwann begriffen, wer den Laden wirklich kennt. Meinen Bruder und mich hat sie nach Vaters frühem Tod allein großgezogen. Geklagt hat sie darüber nie. Sie hat abends am Küchentisch gesessen, das rote Buch vor sich, und Karten geschrieben. Ich glaube heute, das war ihre Art, nicht allein zu sein.
Ihr Satz war: „Man muss sich melden, sonst verliert man sich.“ Als Jugendlicher fand ich das altmodisch. Dann bin ich nach München gezogen, habe mich drei Wochen nicht gemeldet und bekam eine Postkarte. Vorne der Herkules, hinten ein einziger Satz: „Ich lebe noch, und du?“
In den letzten Jahren sind im Buch viele Kreuze dazugekommen. Sie hat die Namen nicht durchgestrichen. Sie hat ein kleines Kreuz dahinter gesetzt und das Datum, und sie hat weiter an die Witwer und an die Töchter geschrieben. Heute sitzen hier Menschen, die meine Mutter nur ein- oder zweimal gesehen haben und trotzdem gekommen sind. Wegen einer Karte, die im richtigen Moment im Briefkasten lag.
Unter J wie „Jungs“ stehen mein Bruder und ich. Bei mir sind es sieben Adressen. Ich kann an ihrer Schrift ablesen, wie sie älter wurde: erst fest und gerade, zuletzt zittrig, aber vollständig, mit Postleitzahl.
Mama, ich nehme das Buch mit zu mir. Ich werde nicht so treu schreiben wie du, das weiß ich, und du wusstest es auch. Aber ich werde mich melden. Bei Bärbel, bei Onkel Horst, bei meinem Bruder, der nur zwanzig Kilometer entfernt wohnt und den ich viel zu selten sehe. Man muss sich melden, sonst verliert man sich. Ich habe es verstanden. Danke, Mama.
Beispiel 3: Ein Ritual, kurz und persönlich
Liebe Oma, liebe Familie,
jeden Sonntag um Punkt sechs hat bei mir das Telefon geklingelt. Ich musste nicht aufs Display schauen. Es war Opa. Und es waren jedes Mal dieselben drei Fragen, in derselben Reihenfolge: „Bist du gesund? Hast du Arbeit? Brauchst du Geld?“
Ich habe geantwortet: ja, ja, nein. Dann hat er gesagt: „Dann ist gut. Oma will dich auch noch sprechen.“ Und weg war er. Sein Teil des Gesprächs hat selten länger als eine Minute gedauert. Vierzehn Jahre lang, seit ich zum Studium nach Hamburg gegangen bin.
Opa Erwin hat sein ganzes Arbeitsleben in einer Schuhfabrik in Pirmasens gestanden, an der Stanze, einundvierzig Jahre. Er hat erlebt, wie eine Fabrik nach der anderen zugemacht hat, und er hat Kollegen gesehen, die danach nicht mehr auf die Beine kamen. Gesundheit, Arbeit, ein bisschen Geld auf der Seite: Für ihn waren das keine Floskeln. Das war das, worauf ein Leben steht.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass diese drei Fragen eigentlich eine einzige waren. Er konnte nicht sagen: Ich denke an dich, ich mache mir Sorgen, ich habe dich lieb. Also hat er gefragt, ob ich Geld brauche.
Einmal, in einem schlechten Jahr, habe ich auf die dritte Frage Ja gesagt. Es war still in der Leitung. Zwei Tage später kam ein Umschlag, ohne Brief, nur mit einem Zettel: „Nicht zurückzahlen. Schuhe kaufen, gute.“
Opa, am letzten Sonntag war es um sechs still bei mir. Ich habe trotzdem laut geantwortet, in die leere Wohnung hinein: Ich bin gesund. Ich habe Arbeit. Ich brauche kein Geld. Aber dich hätte ich noch gebraucht. Danke für jeden Anruf.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was eine persönliche Trauerrede ausmacht
Persönlich wird eine Rede nicht durch viele Gefühle, sondern durch genaue Beobachtung. Wenn die Trauergäste bei einem Satz nicken und denken „Ja, so war sie“, dann ist die Rede persönlich. Die drei Beispiele oben nutzen dafür drei einfache Wege:
- Ein typischer Satz: Fast jeder Mensch hat einen. Er kann die Rede eröffnen, in der Mitte wiederkehren und sie beschließen.
- Ein Gegenstand: ein Adressbuch, eine Werkzeugkiste, eine Thermoskanne. An einem Ding lässt sich ein ganzes Leben entlang erzählen, und Sie können es zur Trauerfeier mitbringen.
- Ein Ritual: der Anruf am Sonntag, der Spaziergang nach dem Essen, die immer gleiche Frage. Rituale zeigen, was einem Menschen wichtig war, ohne dass man es behaupten muss.
Ein einziges dieser Elemente genügt. Eine Trauerrede, persönlich und schlicht, wirkt stärker als eine, die alles auf einmal will.
Lebenslauf oder Porträt: der entscheidende Unterschied
Ein Lebenslauf zählt Stationen auf: geboren, Schule, Beruf, Heirat, Kinder, Rente. Er ist richtig, aber er könnte zu vielen Menschen gehören. Ein Porträt zeigt, wie jemand war. Dafür braucht es weniger Daten und mehr Anschauung.
Ein Beispiel. Als Lebenslauf: „Sie arbeitete 34 Jahre als Sekretärin und war sehr kontaktfreudig.“ Als Porträt: „Sie hat jedem hinterhergeschrieben, der weggezogen ist. In ihrem Adressbuch stehen bei manchen Namen fünf durchgestrichene Anschriften.“ Der zweite Satz enthält weniger Information und sagt trotzdem mehr.
Die Lebensdaten dürfen vorkommen, am besten gebündelt in zwei oder drei Sätzen. Wie Sie diesen Teil knapp halten, lesen Sie unter Aufbau einer Trauerrede.
Fünf Fragen, die persönliches Material liefern
Nehmen Sie sich ein Blatt Papier und beantworten Sie diese Fragen in Stichworten. Fragen Sie auch Geschwister, Enkel oder Nachbarn. Oft kommt die beste Erinnerung von jemandem, mit dem Sie nicht gerechnet haben.
- Welchen Satz hat er oder sie immer wieder gesagt? Auch Schimpfwörter, Ermahnungen und Redensarten zählen.
- Welcher Gegenstand gehörte untrennbar zu diesem Menschen? Was lag immer in der Jackentasche, auf dem Küchentisch, im Auto?
- Was geschah jede Woche oder jedes Jahr auf dieselbe Weise? Denken Sie an Sonntage, Feiertage, Urlaube und Telefonate.
- Wann hat dieser Mensch Ihnen geholfen, ohne viel zu reden? Erzählen Sie genau diesen einen Moment, mit Ort und Tageszeit.
- Worüber haben Sie gemeinsam gelacht oder sich liebevoll geärgert? Kleine Eigenheiten machen ein Bild glaubwürdig.
Wenn Sie zu jeder Frage zwei Stichworte haben, besitzen Sie bereits mehr Material, als Sie für fünf Minuten brauchen. Dieselben Fragen führen Sie auch durch unseren Fragebogen. Wie aus den Stichworten ein Text wird, beschreibt die Anleitung Trauerrede schreiben.
Persönlich, aber nicht privat: wo die Grenze liegt
Eine Trauerfeier ist öffentlich, auch im kleinen Kreis. Alles, was den Verstorbenen oder einen Anwesenden bloßstellen könnte, gehört nicht in die Rede: Familienstreit, Geldfragen, Einzelheiten der Krankheit, Geheimnisse. Eine liebevoll erzählte Schwäche ist dagegen erlaubt und oft wohltuend. Als Probe hilft eine einfache Frage: Hätte er oder sie bei dieser Geschichte geschmunzelt? Wenn Sie unsicher sind, lesen Sie die Stelle vorher einem nahen Angehörigen vor.
Kurz und trotzdem persönlich
Länge und Nähe haben wenig miteinander zu tun. Das dritte Beispiel dauert etwa zwei Minuten und besteht im Kern aus drei Fragen und einem Zettel. Wenn Sie wenig Zeit haben oder ungern vor Menschen sprechen, wählen Sie ein einziges Detail und erzählen Sie es genau. Weitere Beispiele dieser Art finden Sie unter kurze Trauerrede. Wer eine ungewöhnliche Form sucht, etwa einen Brief an den Verstorbenen, wird unter Trauerrede mal anders fündig.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Wie wird eine Trauerrede persönlich?
Durch ein genaues Detail statt allgemeiner Eigenschaften. Schreiben Sie nicht, dass jemand hilfsbereit war, sondern erzählen Sie den Abend, an dem er unangemeldet vor der Tür stand. Ein typischer Satz, ein Gegenstand oder ein Ritual genügt, damit die Trauergäste den Menschen wiedererkennen.
Wie persönlich darf eine Trauerrede sein?
So persönlich, dass der Verstorbene sichtbar wird, aber nicht so privat, dass jemand bloßgestellt wird. Familienkonflikte, Geldfragen und Einzelheiten der Krankheit lassen Sie weg. Liebevoll erzählte Eigenheiten dürfen vorkommen. Im Zweifel lesen Sie die Stelle vorher einem nahen Angehörigen vor.
Was mache ich, wenn mir keine besonderen Erinnerungen einfallen?
Das geht vielen so, vor allem in den ersten Tagen. Suchen Sie nicht nach dem Besonderen, sondern nach dem Alltäglichen: Was stand auf dem Frühstückstisch, was lief im Radio, was wurde am Telefon immer gefragt? Fotos, das Adressbuch oder ein Gespräch mit Geschwistern und Nachbarn helfen beim Erinnern.
Kann eine kurze Trauerrede persönlich sein?
Ja. Zwei Minuten reichen, wenn Sie sich auf ein einziges Detail beschränken und es genau erzählen. Eine kurze Rede mit einer echten Szene bleibt den Trauergästen länger im Gedächtnis als ein vollständiger Lebenslauf.
Darf ich einen Gegenstand zur Trauerfeier mitbringen?
Ja, das ist in der Regel möglich. Sprechen Sie vorher mit dem Bestatter, dem Pfarrer oder dem Trauerredner ab, wo der Gegenstand liegen soll und ob Sie ihn während der Rede in die Hand nehmen. Ein Adressbuch, ein Hut oder ein Werkzeug neben der Urne oder dem Sarg sagt oft mehr als viele Worte.