Beispiel 1: Nach 58 Ehejahren, schlicht und dankbar
Liebe Familie, liebe Nachbarn, liebe Gemeinde,
ich bin kein Redner. Ich bin Maler. Ich habe mein Leben lang Wände gestrichen und dabei den Mund gehalten. Das Reden hat bei uns Lisbeth übernommen, achtundfünfzig Jahre lang, und sie hat es gut gemacht. Heute muss ich es einmal selbst tun. Sie würde sagen: „Heinrich, mach es kurz und steh gerade.“ Ich versuche beides.
Elisabeth wurde 1939 in Coesfeld geboren. Sie hat im Textilhaus am Markt Verkäuferin gelernt, und dort habe ich sie gesehen, als ich das Treppenhaus gestrichen habe. Ich habe für dieses Treppenhaus drei Tage länger gebraucht als nötig. Am letzten Tag hat sie mir ein Butterbrot hingestellt und gesagt: „Wenn Sie noch langsamer streichen, wird der Chef misstrauisch.“ Zwei Jahre später haben wir geheiratet.
Als ich mich selbstständig gemacht habe, hatte ich zwei Leitern, einen alten Transporter und keine Ahnung von Zahlen. Lisbeth hatte die Ahnung. Jeden Freitagabend saß sie am Küchentisch, die Rechenmaschine ratterte, und am Ende sagte sie entweder „Geht“ oder „Geht nicht“. Auf diese beiden Auskünfte habe ich vierzig Jahre lang einen Betrieb gebaut. Sie kannte jeden Kunden, jede offene Rechnung und bei den meisten sogar die Farbe im Wohnzimmer.
Sie hat drei Kinder großgezogen und mich dazu. Wenn es Streit gab, und den gab es, dann hat sie irgendwann das Geschirrtuch über die Schulter geworfen und gesagt: „Nun lass mal gut sein.“ Danach war es gut. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das gemacht hat.
Abends hat sie Kreuzworträtsel gelöst. Sie hat mich nach Wörtern gefragt, die ich nie wusste, und sie sich dann selbst beantwortet. Ich glaube, sie wollte gar keine Hilfe. Sie wollte, dass ich neben ihr sitze. Das habe ich spät verstanden, aber ich habe es verstanden.
In den letzten Jahren wurden ihre Wege kürzer. Vom Sessel zum Fenster, vom Fenster zum Sessel. Wenn ich vom Einkaufen kam, stand sie hinter der Gardine und hat gewunken, als wäre ich drei Wochen auf Montage gewesen. An einem Nachmittag im März ist sie in ihrem Sessel eingeschlafen, das Rätselheft auf dem Schoß. Es fehlte nur noch ein Wort.
Lisbeth, ich danke dir für achtundfünfzig Jahre. Für „Geht“ und „Geht nicht“. Für jedes Winken am Fenster. Ich habe kurz gesprochen, und ich habe gerade gestanden. Nun lasse ich es gut sein.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Nach langer Krankheit, mit Mitte fünfzig
Liebe Jule, lieber Moritz, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen von Katrin,
in unserem Flur steht eine braune Ledertasche. Sie stand dort sechsundzwanzig Jahre lang, immer gepackt, immer am selben Platz neben dem Schuhregal. Wenn nachts das Telefon klingelte, war Katrin in vier Minuten aus dem Haus. Ich habe es einmal gestoppt. Sie kam zurück, wenn es hell wurde, müde, mit zerzausten Haaren, und sagte beim Frühstück: „Ein Mädchen. Dreitausendvierhundert Gramm. Alle wohlauf.“ Dann ist sie am Tisch eingeschlafen.
Katrin war Hebamme, in Erfurt und in den Dörfern drum herum. Sie hat Hunderten Kindern auf die Welt geholfen. Wir konnten in dieser Stadt nicht einkaufen gehen, ohne dass uns jemand einen Kinderwagen entgegenschob und rief: „Schauen Sie mal, wie groß er geworden ist.“ Sie hat sich an jedes Kind erinnert. An den Einkaufszettel meistens nicht.
Sie hatte einen Satz, den sie im Kreißsaal gesagt hat und überall sonst auch: „Atmen. Alles andere kommt danach.“ Sie hat ihn zu werdenden Müttern gesagt, zu Jule vor der Führerscheinprüfung, zu Moritz vor dem Abitur und zu mir, jedes Jahr im Mai, wenn die Steuererklärung fällig war. Ich fand den Satz lange zu einfach. Inzwischen glaube ich, dass er fast alles enthält, was man wissen muss.
Kennengelernt haben wir uns 1995 auf einer Hochzeit in Weimar, auf der wir beide kaum jemanden kannten. Sie hat mich gefragt, ob ich zur Braut gehöre oder zum Bräutigam, und ich habe gesagt: zum Buffet. Sie hat so laut gelacht, dass sich die halbe Gesellschaft umgedreht hat. Dieses Lachen habe ich dreißig Jahre lang gehört, durch Wände und Türen, und es ist das, was mir im Haus jetzt am meisten fehlt.
Sie war nicht immer einfach, und das darf ich sagen, weil sie es selbst gesagt hat. Sie war ungeduldig mit Menschen, die jammern, ohne etwas zu ändern. Sie konnte eine Küche in einem Zustand hinterlassen, der mich an den Rand der Verzweiflung brachte. Und sie hat in all den Jahren keinen Geburtstag eines ihrer Hebammenkinder vergessen, aber zweimal unseren Hochzeitstag.
Vor zweieinhalb Jahren kam die Diagnose. Man sagt oft, jemand habe gegen seine Krankheit gekämpft. Katrin mochte dieses Wort nicht. „Ich kämpfe nicht“, hat sie gesagt, „ich lebe, solange es geht, und zwar ordentlich.“ Das hat sie getan. Sie hat Listen geschrieben, wie immer: was im Garten zu tun ist, wo die Unterlagen liegen, welche Musik heute gespielt werden soll. Und sie hat darauf bestanden, jeden Nachmittag im Liegestuhl unter dem Apfelbaum zu sitzen, auch im November, mit zwei Decken und einer Mütze.
Jule, Moritz, eure Mutter hat mir in den letzten Wochen einen Auftrag gegeben. Ich soll euch sagen, dass sie nichts bereut, außer dass sie nicht sehen wird, was aus euch wird. Und dass sie sich ziemlich sicher ist, dass es etwas Gutes wird. Ich richte das hiermit aus. Wörtlich.
In ihrer letzten Nacht war ich bei ihr. Sie war unruhig, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Da habe ich ihre Hand genommen und gesagt, was sie so oft zu anderen gesagt hat: „Atmen. Alles andere kommt danach.“ Sie hat gelächelt. Ich glaube, sie fand, dass ich es endlich begriffen habe.
Katrin, du hast so vielen Menschen in ihren ersten Stunden beigestanden. Ich bin dankbar, dass ich in deinen letzten bei dir sein durfte. Die Tasche im Flur lasse ich stehen. Noch eine Weile.
Beispiel 3: Späte Liebe, kurze Rede am Urnengrab
Liebe Familie, liebe Freunde,
Renate und ich haben uns auf einem Friedhof kennengelernt, nicht weit von hier, an der Wasserstelle. Wir hatten beide eine Gießkanne in der Hand und beide jemanden verloren. Sie hat auf meine Stiefmütterchen geschaut und gesagt: „Die gießen Sie aber zu viel.“ Das war im April vor elf Jahren. Im Herbst haben wir zum ersten Mal zusammen Kaffee getrunken, und zwei Jahre später haben wir geheiratet, mit dreiundsechzig und einundsechzig, im Standesamt in Lübeck, in Regenjacken.
Wir wussten beide, dass man in unserem Alter keine Zeit mehr zu verschenken hat. Also haben wir keine verschenkt. Wir sind mit dem Wohnmobil bis ans Nordkap gefahren, obwohl Renate Mücken hasste. Wir haben einen Italienischkurs angefangen und nach vier Abenden aufgegeben, weil wir lieber essen als konjugieren wollten. Wir haben jeden Morgen lange gefrühstückt, mit zwei Zeitungen, und uns gegenseitig vorgelesen, worüber wir uns aufregten.
Renate hat nie verlangt, dass ich meine erste Frau vergesse, und ich habe es umgekehrt auch nicht getan. An unserem Kühlschrank hingen beide Hochzeitsfotos nebeneinander. „Das Herz ist kein Einzelzimmer“, hat sie gesagt. Ich habe keinen klügeren Satz über die Liebe gehört.
Ihre Kinder und meine Kinder stehen heute hier zusammen. Dass das so ist, war ihr Werk. Sie hat an Weihnachten einfach alle eingeladen und so getan, als wäre es das Normalste der Welt, bis es das war.
Neun Ehejahre sind nicht viel, wenn man sie zählt. Ich zähle sie nicht. Ich bin dankbar, dass ich mit einundsechzig noch einmal jemanden gefunden habe, der mir sagt, dass ich die Blumen zu viel gieße.
Renate, ich komme jetzt wieder mit der Gießkanne. Ich gebe mir Mühe mit der Menge. Danke, dass du mich damals angesprochen hast.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was eine Trauerrede für die Ehefrau tragen kann
Wer seine Frau verliert, verliert oft auch den Menschen, der in der Familie die Worte gefunden hat. Viele Männer stehen deshalb zum ersten Mal vor der Aufgabe, vor anderen über Gefühle zu sprechen. Sie müssen dafür kein Redner sein. Eine Trauerrede für die Ehefrau lebt nicht von schönen Formulierungen, sondern von zwei oder drei Dingen, die nur Sie wissen.
- Wie alles anfing: das Treppenhaus, die Hochzeit, auf der Sie beide kaum jemanden kannten, die Wasserstelle auf dem Friedhof. Der Anfang einer Ehe ist fast immer eine gute Geschichte.
- Was sie im Alltag getan hat: die Buchführung am Küchentisch, die gepackte Tasche im Flur. Zeigen Sie, wie sie war, statt es zu behaupten.
- Ein Satz von ihr: Er darf trocken oder streng sein. Hauptsache, alle hören ihre Stimme darin.
- Eine ehrliche Ecke: Niemand war vollkommen. Eine liebevoll erzählte Eigenheit macht das Bild glaubwürdig.
- Ihr Dank: so genau wie möglich. Nicht „für alles“, sondern für das Winken am Fenster.
Aufbau in fünf Schritten
- Anrede und erstes Bild: Begrüßen Sie die Trauergäste und beginnen Sie mit etwas, das man sehen kann, nicht mit dem Geburtsdatum.
- Wer sie war: Herkunft, Beruf und Familie in wenigen Sätzen. Der Lebenslauf ist der Rahmen, nicht das Bild.
- Ihre gemeinsame Zeit: eine oder zwei Szenen aus Ihrer Ehe.
- Die letzte Zeit und der Dank: knapp, ohne medizinische Einzelheiten. Ein Satz an die Menschen, die geholfen haben.
- Abschied: einige Sätze direkt an Ihre Frau, gern mit „du“.
Ausführlich beschrieben ist diese Gliederung unter Aufbau einer Trauerrede.
Wenn Reden nicht Ihre Sache ist
Viele Ehemänner sagen: Ich kann das nicht, ich habe noch nie vor Leuten gesprochen. Das muss kein Hindernis sein. Die Trauergäste erwarten keinen geübten Vortrag. Ein Mann, der schlicht und mit eigenen Worten von seiner Frau erzählt, braucht keine geschliffenen Sätze.
- Schreiben Sie so, wie Sie sprechen: kurze Sätze, keine Fremdwörter, keine Schachtelsätze.
- Lesen Sie ab. Das ist bei einer Trauerfeier üblich und gibt Halt.
- Üben Sie zwei- oder dreimal laut, am besten vor einem Menschen, dem Sie vertrauen.
- Halten Sie die Rede kurz, wenn Ihnen das hilft. Zwei Minuten reichen, wie die Beispiele für kurze Trauerreden zeigen.
- Bitten Sie Sohn, Tochter oder einen Freund, mit einer Kopie bereitzustehen, falls Ihre Stimme nicht mitmacht.
Wie Sie das Blatt vorbereiten und mit Tränen umgehen, lesen Sie unter Trauerrede halten.
Formulierungen für Anfang und Schluss
Der erste und der letzte Satz fallen am schwersten. Diese Bausteine dürfen Sie übernehmen und anpassen.
Für den Anfang
- „Ich bin kein Redner. Aber über meine Frau möchte ich heute selbst sprechen.“
- „Wer uns kannte, weiß: Das Reden hat bei uns immer sie übernommen.“
- „Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich sie kennengelernt habe.“
Für den Schluss
- „Ich danke dir für jedes dieser Jahre.“
- „Du fehlst mir an jedem Platz in unserem Haus.“
- „Ich mache weiter, so wie du es von mir erwarten würdest.“
Weitere Bausteine finden Sie unter Texte für Trauerreden. Wenn Sie Ihre Erinnerungen lieber erst einmal ungeordnet festhalten möchten, hilft Ihnen unser Fragebogen dabei.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Wie lang sollte eine Trauerrede für die Ehefrau sein?
Drei bis fünf Minuten sind ein guter Rahmen. Wenn Sie ungern vor anderen sprechen, genügen auch zwei Minuten mit einer einzigen Erinnerung, die man vor sich sieht. Stimmen Sie die Länge mit dem Bestatter, dem Pfarrer oder dem Trauerredner ab, der den Ablauf der Trauerfeier plant.
Wie beginne ich eine Trauerrede für meine Frau?
Beginnen Sie mit einem Bild oder einer kleinen Begebenheit statt mit dem Geburtsdatum: wie Sie sich kennengelernt haben, was sie jeden Morgen getan hat, ein Satz, den sie oft sagte. Ein solcher Einstieg nimmt auch Ihnen selbst die Anspannung, weil Sie einfach erzählen können.
Soll ich in der Rede über ihre Krankheit sprechen?
Ein oder zwei Sätze genügen. Die Trauergäste wissen meist, dass die letzte Zeit schwer war. Medizinische Einzelheiten gehören nicht in die Rede. Erzählen Sie lieber, wie Ihre Frau in dieser Zeit war und was ihr wichtig geblieben ist.
Darf eine Trauerrede für die Ehefrau auch heitere Momente enthalten?
Ja, wenn der Humor aus ihrem Wesen kommt und nicht aus Witzen über den Tod. Ein Lächeln bei der Erinnerung an ihre Eigenheiten tut den Trauergästen gut. Anregungen finden Sie unter humorvolle Trauerrede.
Was ist, wenn ich vor allen Leuten weinen muss?
Dann weinen Sie. Niemand in der Trauerhalle wird Ihnen das übel nehmen. Machen Sie eine Pause, atmen Sie aus und lesen Sie weiter, wenn es geht. Eine vertraute Person mit einer Kopie der Rede kann im Notfall für Sie zu Ende lesen.
Kann auch jemand anderes meine Worte vortragen?
Ja. Sie können die Rede schreiben und vom Pfarrer, vom Trauerredner, von einem Ihrer Kinder oder von einem Freund vorlesen lassen. Es bleiben Ihre Worte, auch wenn ein anderer sie spricht.