Beispiel 1: Abschied im Bestattungswald
Liebe Mama, liebe Familie, liebe Freunde und Wanderkameraden von Hartmut,
mein Vater hätte zuerst wissen wollen, wo genau wir hier stehen. Also: Wir stehen auf 612 Metern Höhe, am Südhang, unter einer Buche, die ungefähr 140 Jahre alt ist. Er hat sie selbst ausgesucht, vor vier Jahren, an einem Dienstag im Oktober. Er ist dreimal um den Stamm herumgegangen, hat nach oben geschaut und gesagt: „Die steht gut. Die nehmen wir.“ So hat er auch unser Haus ausgesucht. Und, wenn man meiner Mutter glaubt, auch sie.
Hartmut war Vermessungstechniker, vierzig Jahre lang, beim Landratsamt in Emmendingen. Er hat Grundstücke, Straßen und halbe Täler vermessen, und diese Genauigkeit hat er nie an der Bürotür abgegeben. Im Urlaub wusste er die Höhe jedes Passes. Den Sonntagsbraten schnitt er in Scheiben, die man mit der Schieblehre hätte prüfen können. Wenn wir Kinder fragten, wie weit es noch ist, bekamen wir keine Vertröstung, sondern eine Zahl: „Elf Kilometer. Bei deinem Tempo drei Stunden.“
Mit der Kirche hatte er nichts im Sinn. „Ich glaube an das, was ich messen kann“, hat er gesagt, „und an eure Mutter.“ Das klingt nüchterner, als er war. Ich habe meinen Vater auf dem Feldberg stehen sehen, morgens um sechs, im ersten Licht, mit Tränen in den Augen. Er hat behauptet, es sei der Wind. Er hat an vieles geglaubt, was man nicht messen kann: an Verlässlichkeit, an ein gegebenes Wort, daran, dass man einen Weg zu Ende geht, den man angefangen hat.
Er war kein Vater, der viel geredet hat. Er hat uns mitgenommen. Jeden zweiten Sonntag, Rucksack, Karte, belegte Brote, los. Ich habe das als Kind oft gehasst. Heute weiß ich, dass ich auf diesen Wegen alles Wichtige von ihm gelernt habe: dass man am Berg langsam anfängt. Dass man den Letzten nicht allein lässt. Dass die Aussicht denen gehört, die hochgelaufen sind. Und dass man seinen Müll wieder mit ins Tal nimmt, auch den, den andere liegen gelassen haben.
Im letzten Jahr wurden seine Wege kürzer. Erst der Kandel nicht mehr, dann auch der Hausberg nicht, zuletzt nur noch die Runde bis zur Bank am Waldrand. Geklagt hat er darüber nicht. Er hat seine Wanderkarten sortiert, beschriftet und mir übergeben, in einer Schuhschachtel, mit einer Liste. Auf jeder Karte hat er seine Lieblingswege mit Bleistift nachgezogen. Es sind siebenundvierzig.
Wir verabschieden uns heute ohne Gebet und ohne Segen, so, wie er es wollte. Wir tun es mit dem, woran er geglaubt hat: mit einem gegebenen Wort. Papa, ich verspreche dir, dass ich diese siebenundvierzig Wege gehe. Nicht alle in diesem Jahr. Aber alle. Und die Kinder nehme ich mit, auch wenn sie maulen.
Gleich setzen wir seine Urne an den Wurzeln dieser Buche bei. Wer mag, nimmt danach eine Handvoll Erde oder ein Blatt vom Waldboden und legt es dazu. Und dann gehen wir gemeinsam den Weg zurück zum Parkplatz. Es sind 800 Meter. Bei unserem Tempo eine Viertelstunde. Er hätte es genauer gewusst.
Danke, Papa. Du stehst gut hier.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Für die Lebensgefährtin, mit einer Einladung am Schluss
Liebe Familie, liebe Gartenfreunde, liebe Kolleginnen und Kollegen von Petra,
Petra und ich waren neunzehn Jahre zusammen und keinen Tag verheiratet. „Wozu“, hat sie gesagt, „du läufst mir doch auch so nicht weg.“ Ich bin ihr nicht weggelaufen. Ich stehe heute hier als der Mann, der neunzehn Jahre lang freitags um vier die Kühltasche gepackt hat, weil es dann hinausging, in den Garten.
Der Garten. Parzelle 38 in der Anlage am Stadtrand von Magdeburg, 320 Quadratmeter, eine Laube mit grünem Dach. Petra hat ihn von ihren Eltern übernommen und sich ihm verschrieben. Unter der Woche war sie Buchhalterin bei den Stadtwerken, genau, zuverlässig, mit spitzem Bleistift. Am Wochenende hatte sie Erde unter den Fingernägeln und war der glücklichste Mensch, den ich kannte.
Ihre Leidenschaft waren Tomaten. Vierzehn Sorten, jede mit einem Schildchen, jede mit einer Geschichte. Die Samen einer gelben Sorte hatte sie von ihrer Großmutter, und sie hat sie über dreißig Jahre lang jedes Frühjahr neu gezogen, auf der Fensterbank im Büro, zum Leidwesen des Hausmeisters. Wer bei uns zu Besuch war, ging nicht ohne ein Glas Eingekochtes und einen Vortrag über das Ausgeizen.
Petra ist in Magdeburg aufgewachsen, mit Jugendweihe statt Konfirmation, und sie ist dabei geblieben. An ein Leben nach dem Tod hat sie nicht geglaubt. „Ich glaube an Kompost“, hat sie gesagt, und sie hat es halb im Scherz gemeint und halb im Ernst. Dass aus dem, was vergeht, etwas Neues wächst, hat sie jedes Frühjahr mit eigenen Augen gesehen. Mehr Trost hat sie nicht gebraucht. Ich versuche, damit auszukommen.
Sie konnte stur sein. Sie hat im Garten keine Widerrede geduldet, und sie hat nie zugegeben, wenn sie sich mit dem Wetter verschätzt hatte. Aber sie war auch die, die der alten Frau Krause von Parzelle 40 jeden Herbst das Laub geharkt hat, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Als sie im Winter krank wurde, hat sie vom Bett aus die Aussaat geplant. Die Liste liegt bei mir auf dem Küchentisch. Ich habe mich daran gehalten, so gut ich konnte. Die Pflanzen stehen. Sie sind nicht so gerade angebunden wie bei ihr, aber sie tragen.
Petra wollte keine lange Feier und keine großen Worte. Sie hat sich etwas anderes gewünscht, und darum bitte ich euch jetzt: Am Ausgang steht ein Korb mit kleinen Tüten. Darin sind Samen von ihrer gelben Tomate. Nehmt euch eine mit. Sät sie im März aus, auf einer hellen Fensterbank, und wenn im Sommer die ersten Früchte reif sind, denkt an sie.
Petra, ich mache weiter auf Parzelle 38. Freitags um vier. Danke für neunzehn Jahre, du Sture. Du fehlst mir.
Beispiel 3: Kurz und schlicht, mit einer Minute Stille
Liebe Familie, liebe Nachbarn, liebe Stammkunden,
meine Mutter hatte mit der Kirche nichts am Hut, und mit langen Reden auch nicht. „Komm zum Punkt, Junge, draußen stehen Leute“, das habe ich von ihr öfter gehört als jeden anderen Satz. Also komme ich zum Punkt.
Ursula, für alle hier Uschi, hat vierunddreißig Jahre lang das Büdchen an der Neusser Straße geführt. Sechs Tage die Woche, von morgens halb sechs bis abends um acht. Zeitungen, Zigaretten, Brötchen, gemischte Tüten für die Kinder. Aber deswegen sind die Leute nicht gekommen. Sie sind gekommen, weil Uschi hinter der Scheibe stand und fragte: „Na, wie isset?“ Und weil sie die Antwort wirklich hören wollte.
Sie wusste, wer im Viertel gerade die Arbeit verloren hatte, wessen Frau im Krankenhaus lag und welches Kind eine Fünf in Mathe verstecken musste. Sie hat angeschrieben, wenn es am Monatsende knapp wurde, in ein Heft unter der Kasse, und sie hat manche Seite stillschweigend herausgerissen. Mein Bruder und ich haben unsere Hausaufgaben auf Getränkekisten gemacht. Wir haben dort mehr über Menschen gelernt als irgendwo sonst.
Sie hat nicht an den Himmel geglaubt. Sie hat an das Viertel geglaubt, an ein offenes Ohr und daran, dass ein Kaffee und fünf Minuten Zeit die meisten Dinge ein bisschen leichter machen.
Deshalb beten wir heute nicht. Ich bitte Sie stattdessen um eine Minute Stille. Denken Sie in dieser Minute an einen Moment, in dem Uschi Ihnen zugehört hat. Ich bin sicher, jeder hier hat einen.
Danke. Und jetzt machen wir es so, wie sie es gewollt hätte: Wir gehen zusammen rüber, trinken einen Kaffee und erzählen uns, wie es ist. Tschö, Mama. Du hast deinen Laden gut geführt.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was eine freie Trauerrede ist
Von einer freien Trauerrede spricht man, wenn der Abschied ohne kirchliche Liturgie gestaltet wird. Andere Bezeichnungen sind weltliche Trauerrede oder Trauerrede ohne Pfarrer. Gehalten wird sie von einem freien Trauerredner, von Angehörigen oder von Freunden. Weil Gebete, Lesungen und Segen fehlen, trägt die Rede die Feier fast allein. Sie erzählt vom Leben des Verstorbenen, würdigt, was er den Menschen bedeutet hat, und gibt dem Abschied eine Form.
Frei heißt nicht beliebig. Auch eine weltliche Feier braucht einen klaren Anfang, eine Mitte und einen erkennbaren Schluss. Und frei heißt nicht, dass der Glaube anderer keinen Platz hätte: Unter den Trauergästen sitzen fast immer auch gläubige Menschen. Eine gute freie Rede lässt ihnen Raum, ohne selbst religiös zu werden.
Ablauf einer freien Trauerfeier
Eine feste Ordnung gibt es nicht. Bewährt hat sich dieser Rahmen, den Sie mit dem Bestatter oder dem Trauerredner an Ihre Wünsche anpassen:
- Musik zum Ankommen
- Begrüßung der Trauergäste
- Die Trauerrede, bei mehreren Rednern mit einem Musikstück dazwischen
- Ein Moment der Stille oder ein gemeinsames Ritual: Kerzen anzünden, Blumen ablegen, einen Stein mitgeben
- Abschiedsworte, direkt an den Verstorbenen gerichtet
- Musik zum Auszug und der Gang zum Grab oder zur Urnenstätte
- Wenige Worte am Grab und die Einladung zum anschließenden Beisammensein
Was am Grab anders ist als in der Trauerhalle, lesen Sie auf der Seite Grabrede. Den inneren Aufbau der Rede selbst beschreibt Aufbau einer Trauerrede.
Wer spricht bei einer freien Trauerfeier?
Drei Wege sind üblich, und sie lassen sich verbinden:
- Ein freier Trauerredner führt ein Vorgespräch mit der Familie, schreibt die Rede und leitet durch die Feier. Was das kostet, steht unter Trauerredner: Kosten.
- Angehörige oder Freunde sprechen selbst. Das ist bei einer freien Trauerfeier ohne Weiteres möglich. Wer zum ersten Mal vor Trauergästen spricht, findet Hilfe unter Rede bei einer Beerdigung.
- Beides zusammen: Der Trauerredner übernimmt Begrüßung, Lebenslauf und Abschluss, ein Familienmitglied spricht zwei oder drei persönliche Minuten.
Klären Sie früh mit dem Bestatter, wie viel Zeit in der Trauerhalle zur Verfügung steht, und richten Sie die Länge der Beiträge danach aus.
Ohne Segen enden: fünf Möglichkeiten für den Schluss
In der kirchlichen Feier setzt der Segen den Schlusspunkt. In der freien Rede müssen Sie diesen Punkt selbst setzen. Diese Formen haben sich bewährt:
- Ein Versprechen: etwas, das Sie im Sinn des Verstorbenen weiterführen, wie die siebenundvierzig Wanderwege im ersten Beispiel.
- Eine Geste für alle: eine Handvoll Erde, eine Blume, eine Tüte Samen zum Mitnehmen wie im zweiten Beispiel.
- Eine Minute Stille: Sie gibt jedem Raum für eigene Gedanken, und wer beten möchte, kann es still tun.
- Dank und direkte Anrede: zwei oder drei Sätze an den Verstorbenen, in der Du-Form.
- Eine Einladung: der Hinweis auf das gemeinsame Kaffeetrinken führt die Trauergäste behutsam zurück in den Tag.
Verzichten Sie auf Spott über Religion, auch wenn der Verstorbene kein gutes Wort für die Kirche hatte. Ein Satz wie „Sie hat nicht an den Himmel geglaubt, sondern an ein offenes Ohr“ sagt alles und verletzt niemanden. Wenn Sie Ihre Erinnerungen erst einmal sammeln möchten, hilft Ihnen unser Fragebogen.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Was unterscheidet eine freie Trauerrede von einer kirchlichen?
Die freie Trauerrede kommt ohne Gebet, Bibeltext und Segen aus und ist an keine Liturgie gebunden. Im Mittelpunkt steht das Leben des Verstorbenen. Bei einer kirchlichen Trauerfeier ist die Ansprache des Pfarrers Teil eines Gottesdienstes und deutet den Abschied aus dem Glauben.
Kann ich als Angehöriger die freie Trauerrede selbst halten?
Ja. Bei einer freien Trauerfeier können Angehörige und Freunde selbst sprechen, allein oder zusätzlich zu einem Trauerredner. Sprechen Sie den Ablauf mit dem Bestatter ab. Wie Sie den Text schreiben, erfahren Sie unter Trauerrede schreiben.
Wie beendet man eine Trauerrede ohne Gebet und Segen?
Mit einem klaren, ruhigen Schlusspunkt: einem Versprechen, einer Minute Stille, einer gemeinsamen Geste oder wenigen Sätzen direkt an den Verstorbenen. Wichtig ist, dass die Trauergäste erkennen, dass die Rede zu Ende ist und was als Nächstes geschieht.
Darf in einer weltlichen Trauerrede trotzdem vom Glauben die Rede sein?
Ja, wenn es zum Verstorbenen oder zur Familie passt. Es ist Ihre Feier, und Mischformen sind möglich. Manche Familien wünschen sich eine freie Rede und dennoch ein gemeinsames Gebet am Grab. Besprechen Sie das vorher im Familienkreis und mit dem Redner.
Wie lang ist eine Rede bei einer freien Trauerfeier?
Wenn Sie als Angehöriger sprechen, sind drei bis fünf Minuten ein guter Rahmen. Die Hauptrede eines freien Trauerredners ist meist länger, weil sie den Lebenslauf und die Würdigung enthält. Entscheidend ist die Zeit, die in der Trauerhalle zur Verfügung steht. Fragen Sie den Bestatter danach.
Wer hilft mir, wenn ich die Rede nicht selbst schreiben kann?
Sie können einen freien Trauerredner beauftragen, einen Redenschreiber um einen Text bitten oder ein Familienmitglied einbeziehen. Wer auch immer für Sie schreibt, braucht von Ihnen vor allem eines: Ihre Erinnerungen an den Verstorbenen.