Beispiel 1: Unter Schwestern, warm und mit Humor
Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kundinnen von Karin,
meinen ersten Haarschnitt von meiner Schwester bekam ich mit neun. Karin war sieben, sie nahm die Küchenschere, und ich hielt still, weil sie so überzeugt aussah. Das Ergebnis war ein Pony, der schräg von links oben nach rechts unten verlief. Unsere Mutter hat geschrien. Karin hat sich ihr Werk angesehen und gesagt: „Das wächst sich raus. Und nächstes Mal wird es besser.“ Sie hat recht behalten, mit beidem.
Karin wurde 1959 in Erfurt geboren, zwei Jahre nach mir. Wir haben uns ein Zimmer geteilt, einen Kleiderschrank und zeitweise auch einen Freund, was wir allerdings erst Jahre später herausgefunden haben. Wir haben darüber so gelacht, dass wir vom Sofa gerutscht sind. Das konnte man mit ihr: über alles lachen, auch über das, was eigentlich zum Heulen war.
Sie hat Friseurin gelernt. Und 1991, als alles unsicher war und jeder zur Vorsicht riet, hat sie ihren eigenen Salon aufgemacht, in der Altstadt: vier Stühle, ein Waschbecken und ein Kredit, der ihr nachts den Schlaf raubte. Sie hat ihn abbezahlt, auf den Monat genau. 33 Jahre lang hat sie dort gestanden. Manche ihrer Kundinnen kamen als Mädchen vor der Jugendweihe und zuletzt mit den eigenen Enkeln.
Bei Karin ging es nie nur um Haare. Auf ihrem Stuhl wurde geweint, geschimpft, geplant und geschwiegen. Sie wusste von Scheidungen, bevor die Ehemänner davon wussten. Und sie hat nie ein Wort weitererzählt, nicht einmal mir, und ich habe es wirklich versucht. Ihr Satz war: „Mit ordentlichen Haaren sieht die Welt schon halb so schlimm aus.“ Sie hat Frauen vor Beerdigungen frisiert und vor Vorstellungsgesprächen. In den letzten Jahren ist sie montags, an ihrem freien Tag, ins Pflegeheim gefahren und hat dort geschnitten, für einen Kaffee und ein Dankeschön.
Als sie krank wurde und ihr selbst die Haare ausgingen, habe ich mich nicht getraut, etwas zu sagen. Sie schon. Sie hat in den Spiegel geschaut und gesagt: „Na toll. Dreißig Jahre Werbung gelaufen, und jetzt das.“ Dann hat sie sich ein Tuch umgebunden, knallrot, und sah besser aus als wir alle.
Seit ich aus Erfurt weggezogen bin, haben wir jeden Sonntagabend telefoniert, über dreißig Jahre lang. Am letzten Sonntag hat sie gesagt: „Du musst zum Friseur. Ich höre das an deiner Stimme.“ Ich war noch nicht. Ich weiß nicht, zu wem ich gehen soll.
Karin, kleine Schwester. Du hast mir die Haare geschnitten, du hast mir den Kopf gewaschen, in jedem Sinn, und du hast mir mein Leben lang den Rücken gestärkt. Du hast gesagt: Das wächst sich raus. Diesmal glaube ich dir nicht ganz. Aber ich verspreche dir, ich gehe zum Friseur, und ich halte den Kopf gerade.
Danke für jeden Sonntag. Du fehlst mir jetzt schon.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Kurz und herzlich, nach einem plötzlichen Tod
Liebe Familie, liebe Freunde,
meine Schwester Petra hätte diese Trauerfeier besser organisiert als wir. Sie hätte eine Liste gehabt, mit Uhrzeiten, und hinter jedem Punkt einen Haken. „Ich hab das schon geregelt“, das war ihr Satz. Wir haben ihn so oft gehört, dass wir irgendwann aufgehört haben, selbst etwas zu regeln.
Petra wurde 54 Jahre alt. Sie war Disponentin bei einer Spedition in Oldenburg und hat dort jeden Tag vierzig Lastwagen durch halb Europa gelotst. Unsere Familie hat sie nebenbei mitdisponiert. Sie wusste alle Geburtstage. Mich hat sie jedes Jahr am 11. Mai angerufen: „Morgen hat deine Frau Geburtstag. Blumen sind bestellt, du musst sie nur abholen.“ Zweiundzwanzig Jahre lang. Meine Frau weiß das übrigens. Schon immer.
Dabei war ich als Junge nicht nett zu ihr. Sie war drei Jahre jünger und lief mir überallhin nach. Mit sechzehn habe ich ihr verboten, mich auf dem Schulhof zu grüßen. Sie hat genickt und mich am nächsten Tag quer über den Hof gegrüßt, laut, mit beiden Armen. Petra ließ sich von niemandem vorschreiben, wen sie gernhaben durfte.
An einem ganz normalen Donnerstag im Oktober ist sie morgens nicht mehr aufgewacht. Ohne Vorwarnung, ohne Abschied. Ausgerechnet sie, die nie etwas ungeregelt ließ.
Petra, wir stehen hier ohne Liste. Aber ich habe mir in dieser Woche alle Geburtstage aus deinem Kalender in meinen geschrieben. Am 11. Mai bestelle ich die Blumen selbst. Und wenn ich etwas vergesse, was vorkommen wird, dann sei bitte nachsichtig mit deinem großen Bruder.
Du hast immer alles geregelt. Heute regeln wir etwas für dich, so gut wir können. Danke, Schwesterherz. Grüß mich weiter quer über den Hof.
Beispiel 3: Für die große Schwester, die wie eine zweite Mutter war
Liebe Familie, liebe Nachbarn, liebe Gemeinde,
ich bin Helmut, der Jüngste von uns vieren, und ich spreche heute auch für Marlies und Josef. Wir drei sind uns einig: Wir verabschieden heute nicht nur unsere große Schwester. Friedel war für uns viel mehr als das.
Elfriede wurde 1941 in einem Dorf bei Daun in der Eifel geboren, als Älteste. Ich kam zwölf Jahre später, als Letzter. Als unsere Mutter krank wurde und lange nicht mehr aufstehen konnte, war Friedel vierzehn. Niemand hat sie gefragt, ob sie das kann. Sie ist am nächsten Morgen um fünf aufgestanden, hat den Herd angemacht, die Kühe gemolken und uns Kleine geweckt. So ging das von da an, Tag für Tag, jahrelang.
Sie hat mir die Schuhe gebunden und das Schulbrot geschmiert. Sie hat meine Hosen geflickt und meine Entschuldigungen unterschrieben, mit Mutters Namen, in Mutters Schrift, und kein Lehrer hat es je gemerkt. Wenn ich nachts Angst hatte, bin ich nicht zu den Eltern gegangen, sondern über den Flur zu Friedel. Sie hat die Decke angehoben und gesagt: „Komm, aber zappel nicht.“ Ich habe zu ihr nie Mama gesagt. Aber gedacht habe ich es oft.
Was sie dafür aufgegeben hat, habe ich erst spät begriffen. Friedel wollte Lehrerin werden, der Pfarrer hatte sich sogar für sie eingesetzt. Es ist nichts daraus geworden, weil zu Hause drei kleine Geschwister und ein Hof warteten. Sie hat darüber nie geklagt. Nur einmal, da war sie schon über siebzig, sagte sie zu mir: „Ich habe ja doch Kinder unterrichtet. Euch.“
Später hat sie ihren Karl geheiratet, zwei eigene Kinder großgezogen und nebenbei das halbe Dorf versorgt. Bei Friedel stand immer ein Teller mehr auf dem Tisch, als Leute angemeldet waren. „Es kommt ja doch noch einer“, sagte sie. Es kam auch immer einer. Meistens ich.
Bis zuletzt hat sie angerufen und gefragt, ob ich warm genug angezogen bin. Ich bin 72 Jahre alt. Ich habe jedes Mal „Ja, Friedel“ gesagt und mir danach eine Jacke geholt.
Friedel, du hast uns großgezogen, als du selbst noch ein Kind warst. Du hast auf vieles verzichtet, damit aus uns etwas werden konnte. Aus uns ist etwas geworden, aus allen dreien, und das ist dein Werk. Wir haben es dir zu selten gesagt. Wir sagen es dir heute.
Danke, große Schwester. Ruh dich aus. Du bist lange genug vor allen anderen aufgestanden.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was in eine Trauerrede für die Schwester gehört
Eine Schwester kennt man anders als jeden anderen Menschen. Sie war dabei, als man klein war, sie kannte die Eltern, das Kinderzimmer, die alten Geschichten. Eine Trauerrede für die Schwester lebt von dieser langen gemeinsamen Zeit. Den vollständigen Lebenslauf braucht es dafür nicht. Wichtiger sind drei Dinge: ein Bild, in dem alle sie sofort wiedererkennen, ein typischer Satz von ihr und ein ehrliches Wort des Dankes. Hat Ihre Schwester eine eigene Familie, stimmen Sie sich mit ihrem Partner und ihren Kindern ab. Ihr Teil ist die Sicht der Geschwister, und die kann sonst niemand beitragen.
Erinnerungen finden: Fragen an die gemeinsame Zeit
- Was haben wir geteilt: ein Zimmer, Kleider, Geheimnisse, den Schulweg?
- Welche Rolle hatte sie in der Familie: die Vernünftige, die Mutige, die Vermittlerin?
- Was hat sie gesagt, wenn ich in Schwierigkeiten war?
- Welche Gewohnheit verband uns als Erwachsene: das Telefonat am Sonntag, der gemeinsame Urlaub, die Karte zum Geburtstag?
- Worüber konnten nur wir beide lachen?
Schreiben Sie alles ungeordnet auf und wählen Sie dann zwei, höchstens drei Szenen aus. Wie daraus ein Text wird, zeigt Schritt für Schritt der Ratgeber Trauerrede schreiben. Wer für den Bruder spricht, findet Beispiele unter Trauerrede für den Bruder.
Wenn die große Schwester wie eine zweite Mutter war
In vielen Familien hat die Älteste früh Verantwortung getragen: weil die Mutter krank war, weil beide Eltern arbeiteten, weil viele Kinder da waren. Wenn Sie über eine solche Schwester sprechen, benennen Sie ruhig, was sie geleistet und worauf sie verzichtet hat. Bleiben Sie dabei bei konkreten Handgriffen: die gebundenen Schuhe, das geschmierte Brot, die Unterschrift im Hausaufgabenheft. Machen Sie daraus keinen Vorwurf an die Eltern, das würde die Feier belasten. Der Kern einer solchen Rede ist der Dank, und er darf deutlich ausfallen, gerade wenn er zu Lebzeiten selten ausgesprochen wurde. Sprechen Sie, wenn möglich, im Namen aller jüngeren Geschwister. Anregungen für den Ton finden Sie auch unter Trauerrede für die Mutter.
Darf in der Rede gelacht werden?
Schwestern teilen oft einen eigenen Humor, und er darf in der Rede vorkommen, wenn er von ihr selbst stammt: ihr Spruch, ihre Art, mit Schwierigkeiten umzugehen. Vermeiden Sie Geschichten, die sie bloßstellen oder die nur zwei Menschen im Raum verstehen. Nach einem heiteren Moment führt ein ruhiger Satz zurück zum Abschied. Mehr dazu lesen Sie unter humorvolle Trauerrede. Hinweise zum Vortragen, auch für den Fall, dass die Stimme versagt, finden Sie unter Trauerrede halten.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Wie lang sollte eine Trauerrede für die Schwester sein?
Drei bis fünf Minuten sind ein gutes Maß, wenn Sie als Einzige oder Einziger aus der Familie sprechen. Reden auch der Partner, die Kinder oder ein Trauerredner, genügen zwei bis drei Minuten. Fragen Sie den Bestatter, wie viel Zeit im Ablauf der Trauerfeier vorgesehen ist.
Ich soll die Trauerrede für meine Schwester halten. Wie fange ich an?
Beginnen Sie nach der Anrede nicht mit dem Geburtsdatum, sondern mit einem Bild: einer Szene aus der Kindheit, einem Gegenstand, ihrem typischen Satz. Die Lebensdaten folgen danach in zwei, drei Sätzen. So hören die Trauergäste vom ersten Moment an Ihre Schwester und nicht einen Lebenslauf.
Darf ich lustige Geschichten aus unserer Kindheit erzählen?
Ja, wenn die Geschichte liebevoll ist und Ihre Schwester darin gut wegkommt. Fragen Sie sich, ob sie selbst darüber gelacht hätte und ob ihr Partner und ihre Kinder sie gern hören. Eine heitere Szene genügt, danach sollte die Rede wieder ruhiger werden.
Wie stimme ich mich ab, wenn auch ihr Mann oder ihre Kinder sprechen?
Tauschen Sie vorher kurz aus, wer worüber spricht, damit sich nichts doppelt. Meist erzählt die eigene Familie vom gemeinsamen Alltag, und Sie übernehmen Kindheit, Jugend und die Geschwistersicht. Legen Sie auch die Reihenfolge und die Redezeit gemeinsam mit dem Bestatter oder Trauerredner fest.
Was mache ich, wenn mir beim Sprechen die Tränen kommen?
Halten Sie inne, atmen Sie aus und lesen Sie dann weiter. Niemand erwartet, dass Sie ungerührt bleiben. Geben Sie vorab einer vertrauten Person eine Kopie, die notfalls übernimmt. Wenn Ihnen bereits das Schreiben schwerfällt, hilft Ihnen der Fragebogen dabei, die Erinnerungen zu ordnen.