Beispiel 1: Für den Landwirt, vom Enkel gesprochen
Liebe Oma, liebe Familie, liebe Nachbarn,
mein Opa konnte das Wetter riechen. Das ist kein Spruch. Er trat morgens um fünf vor die Tür, hielt die Nase in den Wind, der bei uns in Dithmarschen ja immer weht, und sagte: „Ab Mittag Regen.“ Dann kam ab Mittag Regen. Den Wetterbericht im Radio hörte er trotzdem, aber nur, um zu prüfen, ob die in Hamburg auch richtig lagen.
Hinrich wurde 1934 auf dem Hof geboren, auf dem er vorige Woche gestorben ist. Dazwischen liegen 91 Jahre und, wenn man ihn fragte, nicht viel Besonderes: Kohl, Weizen, ein paar Kühe, sechzig Ernten. Urlaub hat er zweimal gemacht, beide Male im Harz, beide Male kam er einen Tag früher zurück. „Da stehen überall Berge im Weg“, sagte er. „Man sieht ja gar nichts.“
Für uns Enkel war der Hof das Paradies. Ich durfte mit vier auf seinem Schoß Trecker fahren und mit zehn allein. Er hat mir gezeigt, wie man einen Kohlkopf mit einem einzigen Schnitt vom Strunk trennt, wie man ein Kalb am Finger saugen lässt, damit es ruhig wird, und wie man einen Zaun so spannt, dass er den nächsten Sturm übersteht. Erklärt hat er dabei wenig. „Guck zu“, sagte er. Das war sein ganzer Unterricht, und ich habe nie besseren gehabt.
Opa war kein Mann für Umarmungen. Zum Abschied gab er uns die Hand, eine Hand wie ein Brett, und darin lag jedes Mal ein zusammengefalteter Geldschein. „Sag Oma nichts.“ Oma hat es natürlich gewusst.
Als ich ihm erzählte, dass ich Landwirtschaft studieren will, hat er lange geschwiegen. Dann: „Studieren. Na. Der Kohl wächst auch ohne Diplom.“ Aber zur Abschlussfeier ist er gekommen, im Anzug von 1975, vier Stunden mit der Bahn, und saß in der ersten Reihe, gerade wie ein Zaunpfahl.
Im letzten Sommer saß er meistens auf der Bank vor dem Stall und schaute über die Felder. Ich habe mich oft dazugesetzt. Einmal sagte er: „Ich habe das Land nur geliehen bekommen. Jetzt gebe ich es zurück, und zwar in Ordnung.“ Das hat er getan.
Opa, was ich für diesen Hof brauche, habe ich von dir: Respekt vor dem Wetter, keine Angst vor der Arbeit. Und das Wissen, dass man nicht viel reden muss, wenn man da ist. Ich mache weiter auf deinem Land, und ich verspreche dir: Ich gebe es auch in Ordnung zurück.
Heute früh bin ich vor die Tür gegangen und habe die Nase in den Wind gehalten. Ich glaube, es bleibt trocken. Du hättest es gewusst.
Mach's gut, Opa. Ich habe zugeguckt.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Für den Lehrer, mit einem Augenzwinkern
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe ehemalige Schülerinnen und Schüler meines Großvaters,
ich muss mit einer Warnung beginnen: In dieser Rede sind mit Sicherheit Fehler. Ein falscher Konjunktiv, ein schiefes Bild, ein Komma, das fehlt. Mein Opa hätte sie alle gefunden. Er hätte nichts gesagt, er hätte nur die linke Augenbraue gehoben. Wer bei ihm Latein hatte, kennt diese Augenbraue. Einige von Ihnen zucken gerade wieder zusammen, das sehe ich von hier.
Eberhard wurde 1938 in Einbeck geboren und kam zum Studium nach Göttingen, wo er geblieben ist: 36 Jahre Lehrer für Latein und Geschichte, am selben Gymnasium, im selben Klassenraum im zweiten Stock, mit Blick auf die Kastanie. Er hat, vorsichtig geschätzt, dreitausend Jugendlichen den Ablativ beigebracht. Die meisten haben ihn wieder vergessen. Den Ablativ, nicht meinen Opa.
Als ich acht war, habe ich ihm aus dem Urlaub eine Postkarte geschrieben. Zwei Wochen später kam sie zurück, in einem Umschlag, mit roter Tinte korrigiert. „Strand“ mit d, „ziemlich“ mit ie. Darunter stand: „Inhaltlich sehr erfreulich. Dein Opa.“ Meine Mutter war empört. Ich nicht. Ich habe ihm die nächste Karte fehlerfrei geschrieben und bekam sie wieder zurück, diesmal mit zwei Worten: „Na also.“ Wir haben das beibehalten, fünfundzwanzig Jahre lang. Ich besitze einen Schuhkarton voller korrigierter Postkarten, und ich würde ihn gegen nichts tauschen.
Sein Satz war: „Schau genau hin.“ Das galt für lateinische Endungen, aber auch für Zeitungsartikel, für Pilze im Wald und für Menschen. Wenn ich mich über jemanden aufgeregt habe, fragte er: „Hast du genau hingeschaut? Oder nur schnell?“ Meistens nur schnell. Es ist ein unbequemer Satz. Ich habe vor, ihn an meine Kinder weiterzugeben. Sie werden mich dafür genauso wenig mögen wie ich ihn damals.
Man könnte meinen, so ein Mann sei streng gewesen. Er war das Gegenteil. Er hat mit uns Enkeln im Garten römische Legionslager aus Stöcken gebaut. Er hat mir vor dem Abitur jeden Dienstag Nachhilfe gegeben und danach Bratkartoffeln gemacht, das einzige Gericht, das er konnte, dafür sehr gut. Und als ich durch die Führerscheinprüfung gefallen bin, hat er gesagt: „Cicero ist auch nicht beim ersten Anlauf Konsul geworden.“ Ich habe später nachgeschlagen. Es stimmt gar nicht. Er hat für mich geschwindelt, mein korrekter Opa. Das ist vielleicht das Liebevollste, was er je getan hat.
Die letzten Jahre wurden stiller. Die Augen ließen nach, und das war für einen Leser wie ihn das Schwerste. Also habe ich ihm vorgelesen, sonntags, meistens Geschichte, manchmal Krimis, die er offiziell für Zeitverschwendung hielt. Wenn ich mich verlesen habe, hob sich die Augenbraue. Bis zuletzt.
Opa, von dir weiß ich, dass man etwas ernst nimmt, indem man genau ist: die Sprache, die Sache und den Menschen, der einem gegenübersitzt. Du hast mich nie korrigiert, um mich kleinzumachen. Du hast mich korrigiert, weil du mir zugetraut hast, dass ich es besser kann.
Ich habe diese Rede dreimal durchgesehen. Ich fürchte, es sind trotzdem noch Fehler darin. Aber inhaltlich, das hoffe ich, ist sie sehr erfreulich.
Danke, Opa. Ich schaue genau hin. Versprochen.
Beispiel 3: Für den Tüftler in seiner Werkstatt, kurz gehalten
Liebe Oma, liebe Familie,
ich bin Niklas, der jüngste Enkel, und ich spreche auch für meine Schwester Hanna. Wir haben lange überlegt, was wir über Opa Willi sagen sollen. Dann sind wir in seinen Keller gegangen, und da war alles klar.
Wer Opas Werkstatt kennt, weiß, was ich meine. Unter dem Regal hängen sechsundvierzig Marmeladengläser, mit den Deckeln ans Brett geschraubt, in jedem eine andere Sorte Schrauben. Es riecht nach Öl und kaltem Metall. An der Wand hängt jedes Werkzeug auf seinem aufgemalten Umriss. Wehe, ein Umriss war abends leer.
Opa war Werkzeugmacher in Solingen, 44 Jahre im selben Betrieb. Danach hat er im Keller einfach weitergearbeitet, nur ohne Lohn. Die halbe Straße hat ihm ihre kaputten Sachen gebracht: Toaster, Rasenmäher, Puppenwagen. Er hat alles angenommen. „Wegschmeißen kann jeder“, das war sein Satz.
Hanna und ich haben bei ihm alles gelernt, was man mit Händen machen kann. Feilen, löten, ein Messer schärfen, ohne sich zu schneiden. Na ja, fast. Er hat uns nie etwas aus der Hand genommen. Wenn es schiefging, sagte er: „Macht nichts. Jetzt weißt du, wie es nicht geht. Das ist auch was wert.“
Auf seiner Werkbank liegt noch das Radio von Frau Schröder von gegenüber, aufgeschraubt, halb fertig. Opa, das machen wir zu Ende, Hanna und ich. Die richtige Schraube finden wir, du hast ja alles beschriftet.
Wegschmeißen kann jeder. Wir heben auf, was du uns gezeigt hast. Danke, Opa.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Was Enkel in einer Trauerrede für Opa erzählen können
Die Kinder eines Mannes kennen ihn als Vater, mit allen Pflichten und Reibungen. Enkel kennen ihn anders: geduldiger, großzügiger, oft auch lustiger. Genau das macht eine Trauerrede für Opa wertvoll. Sie müssen nicht sein ganzes Leben erzählen. Den Lebenslauf übernimmt meist der Pfarrer, der Trauerredner oder ein Kind des Verstorbenen. Ihr Teil sind die Ferien, die Werkbank, der Traktor, das heimlich zugesteckte Taschengeld. Diese Fragen bringen Erinnerungen hervor:
- Was durfte ich bei Opa, was zu Hause verboten war?
- Was hat er mir beigebracht, das ich heute noch kann?
- Wie roch es bei ihm, wie klang seine Stimme, was stand immer auf dem Tisch?
- Welchen Satz von ihm sage ich inzwischen selbst?
Aufbau: von einem Bild zum Abschied
- Anrede: zuerst die Großmutter und die Familie, dann alle anderen Trauergäste.
- Ein Bild: eine Gewohnheit oder ein Ort, an dem man ihn sofort vor sich sieht.
- Wenige Lebensdaten: Geburtsort, Beruf, was ihn ausgemacht hat. Zwei, drei Sätze reichen.
- Eine oder zwei Erinnerungen aus Enkelsicht: so genau wie möglich, gern mit wörtlicher Rede.
- Dank und Abschied: direkt an ihn, am besten mit dem Bild vom Anfang.
Eine ausführliche Anleitung mit Zeitanteilen finden Sie unter Aufbau einer Trauerrede.
Wenn mehrere Enkel sprechen möchten
Oft möchten alle Enkel etwas beitragen. Drei Wege haben sich bewährt. Ein Enkelkind spricht im Namen aller und nennt die anderen beim Namen, so wie im dritten Beispiel. Oder jedes Enkelkind trägt eine einzige Erinnerung vor, jeweils zwei, drei Sätze. Oder die Jüngeren legen etwas ab, eine Zeichnung oder ein Werkzeug, und nur eines spricht. Stimmen Sie das vorher mit den Eltern und dem Bestatter ab, damit die Trauerfeier nicht zu lang wird. Für jüngere Enkel ist eine kurze Trauerrede von ein bis zwei Minuten völlig ausreichend.
Darf man in der Rede für den Großvater schmunzeln?
Ja, wenn der Humor von ihm selbst kommt. Sein Spruch über die Berge im Harz, die gehobene Augenbraue: Solche Momente lassen die Trauergäste aufatmen, weil sie ihn darin wiedererkennen. Witze über den Tod oder Anekdoten, die ihn bloßstellen, gehören nicht dazu. Nach einem Lächeln sollte die Rede wieder ruhig werden, am besten mit einem Satz des Dankes. Mehr dazu lesen Sie unter humorvolle Trauerrede.
Die Rede bei Opas Beerdigung vortragen
Viele Enkel haben noch nie vor Trauergästen gesprochen. Drucken Sie den Text groß aus, lesen Sie ihn vorher zweimal laut und suchen Sie sich in der Trauerhalle ein freundliches Gesicht. Tränen sind erlaubt. Geben Sie eine Kopie an jemanden, der im Notfall weiterliest. Weitere Hinweise stehen unter Trauerrede halten. Beispiele für die Großmutter finden Sie unter Trauerrede für Oma.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Wie lang sollte eine Trauerrede für Opa sein?
Für Enkel sind zwei bis vier Minuten ein gutes Maß, vor allem wenn auch andere Angehörige, ein Pfarrer oder ein Trauerredner sprechen. Das entspricht etwa 250 bis 500 Wörtern. Fragen Sie den Bestatter, wie viel Zeit im Ablauf für Sie vorgesehen ist.
Sage ich in der Rede „Opa“ oder „Großvater“?
Sagen Sie das, was Sie immer gesagt haben, also meist „Opa“. Für die Trauergäste, die ihn unter seinem Namen kannten, können Sie an einer Stelle den Vornamen nennen, zum Beispiel bei den Lebensdaten. „Großvater“ passt, wenn Sie über ihn in der dritten Person sprechen.
Ich habe Opa nur in seinen letzten, kranken Jahren bewusst erlebt. Was kann ich erzählen?
Fragen Sie Ihre Eltern, Onkel oder Tanten nach einer Geschichte aus seiner kräftigen Zeit und verbinden Sie sie mit einem eigenen Moment, auch wenn er klein ist: eine Hand, ein Blick, ein Satz. Sie dürfen in der Rede sagen, dass Sie ihn gern früher gekannt hätten.
Können auch Kinder oder Jugendliche bei der Trauerfeier sprechen?
Ja, wenn sie es selbst möchten. Ein kurzer Text von wenigen Sätzen genügt, und ein Erwachsener kann danebenstehen. Niemand sollte dazu gedrängt werden. Wer nicht sprechen mag, kann einen Brief oder eine Zeichnung mitgeben.
Darf ich die Beispiele für meine eigene Rede verwenden?
Ja, Sie dürfen die Texte kopieren und anpassen. Ersetzen Sie Namen, Orte und Szenen durch Ihre eigenen, denn erst dadurch wird es die Rede für Ihren Opa. Wenn Sie beim Sammeln der Erinnerungen Unterstützung möchten, führt Sie der Fragebogen durch die wichtigen Fragen.