Beispiel 1: Sehr nah, mit einem gemeinsamen Ritual
Liebe Mama, lieber Jan, liebe Familie, liebe Husumer,
mein Vater kannte in seinem Bezirk jede Haustür und jeden Hund dahinter. Rolf war 35 Jahre lang Briefträger in Husum, erst mit dem Fahrrad, später mit dem Wagen, bei Sturm, bei Regen und bei dem, was man bei uns einen schönen Tag nennt: Regen von der Seite.
Samstags hatte er frei, und der Samstag gehörte uns beiden. Um neun gingen wir zum Hafen, er mit den Händen in den Jackentaschen, ich zwei Schritte daneben. Es gab ein Krabbenbrötchen für ihn und eins für mich, und dann saßen wir auf der Kaimauer und schauten, ob Wasser da war oder nicht. Geredet haben wir kaum. „Man muss nicht immer schnacken“, sagte er. „Man kann auch einfach zusammen gucken.“ Das haben wir gemacht, bis ich achtzehn war, und danach jedes Mal, wenn ich nach Hause kam.
Als ich zum Studium nach Hannover ging, hat er nichts gesagt. Er hat meinen Koffer zum Bahnhof getragen und mir einen Umschlag in die Hand gedrückt. Darin waren zwanzig Briefmarken und ein Zettel: „Damit du keine Ausrede hast.“ Ich habe geschrieben. Er hat zurückgeschrieben, jede Woche, in seinen Druckbuchstaben, meistens über das Wetter und darüber, wer gestorben war. Ich habe alle Briefe noch.
Dass er stolz auf mich war, hat er mir nie ins Gesicht gesagt. Das habe ich von anderen erfahren. Als ich meine Praxis eröffnet habe, kamen wildfremde Menschen herein und sagten: „Ach, Sie sind die Tochter vom Briefträger. Die Tierärztin. Wir wissen alles über Sie.“ Er hatte es offenbar an jeder Haustür erzählt, fünf Jahre lang, zusammen mit der Post.
Im letzten Herbst waren wir noch einmal am Hafen. Er ging langsamer, und das Krabbenbrötchen hat er nicht mehr geschafft. Wir saßen auf der Mauer, es war Ebbe, und nach einer langen Weile sagte er: „War gut, das alles.“ Ich habe genickt. Man muss nicht immer schnacken.
Papa, ich habe so viele Sätze im Kopf, die ich dir noch sagen wollte. Aber ich glaube, du wusstest sie. Bei dir habe ich gelernt, dass man Liebe nicht erklären muss. Man geht nebeneinander her, man teilt ein Brötchen, man schreibt jede Woche.
Am Samstag gehe ich zum Hafen. Ich kaufe zwei Brötchen. Eins esse ich, eins bekommen die Möwen, du hättest das für Verschwendung gehalten. Und dann gucke ich, ob Wasser da ist.
Danke, Papa. War gut, das alles.
Zehn Fragen, etwa 8 Minuten. Die Vorschau ist kostenlos.
Beispiel 2: Liebevoll und ehrlich, wenn es nicht immer leicht war
Liebe Mutter, lieber Thomas, liebe Familie, liebe Weggefährten meines Vaters,
ich will ehrlich anfangen, denn Unehrlichkeit hat mein Vater nicht ertragen: Wir beide hatten es nicht immer leicht miteinander. Wer uns kannte, weiß das. Und wer ihn kannte, weiß auch, dass er es mir übel nehmen würde, wenn ich heute so täte, als wäre es anders gewesen.
Hartmut wurde 1946 in Leipzig geboren. Er hat Bauingenieurwesen studiert und sein Berufsleben lang Brücken geplant, in Sachsen, in Thüringen, nach der Wende im ganzen Land. Wenn wir früher in den Urlaub fuhren, hielt er an Brücken an wie andere Leute an Aussichtspunkten. Wir Kinder mussten aussteigen und uns die Widerlager ansehen. Ich wusste mit neun, was ein Widerlager ist. Ich wollte es nicht wissen.
Er war genau, und er war streng. Eine Zwei in Mathematik kommentierte er mit: „Und wo ist der Rest geblieben?“ Er meinte das nicht böse. In seinem Beruf durfte man sich nicht um einen Rest verrechnen, denn über seine Brücken fuhren Menschen. Aber ich war keine Brücke. Ich war ein Mädchen, das gern gehört hätte: Gut gemacht.
Als ich mit neunzehn sagte, dass ich nicht studieren, sondern Gärtnerin werden will, haben wir ein Jahr lang kaum miteinander gesprochen. Das war das schwerste Jahr zwischen uns. Beendet hat es kein Gespräch, sondern ein Paket. Darin lag ein Fachbuch über Obstbaumschnitt, antiquarisch, mit einem Zettel in seiner Ingenieursschrift: „Wenn schon, dann richtig. Vater.“ Das war seine Entschuldigung, und ich habe sie verstanden.
Weich wurde er erst als Großvater. Mit meinem Sohn Paul hat er eine Brücke aus Eisstielen gebaut, einen Meter zwanzig lang, über den ganzen Wohnzimmertisch. Paul hat geklebt, wie Sechsjährige eben kleben. Und mein Vater, der Mann mit dem Rest, hat gesagt: „Die trägt. Gut gemacht.“ Ich stand in der Tür und musste hinausgehen. Nicht aus Ärger. Ich hatte begriffen, dass er es die ganze Zeit gekonnt hätte und nur nicht wusste, wie man anfängt.
Im letzten Winter, im Krankenhaus, hat er es dann doch noch gesagt. Ohne Anlass, mitten in einen Satz über das Wetter hinein: „Ich war oft zu streng mit dir. Das weiß ich.“ Ich habe geantwortet: „Und ich war oft zu stur. Das habe ich von dir.“ Da hat er gelacht, zum ersten Mal seit Wochen.
Vater, du hast mir nicht alles gegeben, was ich mir gewünscht habe. Aber du hast mir vieles gegeben, was ich gebraucht habe: dass man Dinge zu Ende bringt. Dass man für das geradesteht, was man gebaut hat. Und dass es für ein gutes Wort nie zu spät ist, solange man es noch sagt.
Deine Brücken stehen. Die zwischen uns beiden hat lange gedauert, aber sie ist fertig geworden, und sie trägt.
Danke, Vater. Ruhe in Frieden.
Alle Personen und Begebenheiten in den Beispielen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten wären zufällig. Sie dürfen die Texte für Ihre eigene Rede frei verwenden und anpassen.
Der Blick der Tochter: was nur Sie erzählen können
Eine Tochter sieht ihren Vater anders als seine Kollegen, seine Freunde oder sein Sohn. Sie kennen ihn vom Beifahrersitz, vom Rand des Sportplatzes, vom Abend vor der ersten Prüfung. Eine Trauerrede der Tochter für den Vater lebt von genau diesem Blick. Seinen Lebenslauf hört die Trauergemeinde meist ohnehin, vom Trauerredner oder vom Pfarrer. Von Ihnen möchte sie erfahren, wie er als Vater war. Beschränken Sie sich deshalb auf das, was Sie selbst mit ihm erlebt haben.
Kleine Rituale als roter Faden
Fast jede Tochter hatte etwas mit ihrem Vater, das nur den beiden gehörte: der Samstag am Hafen, das gemeinsame Autowaschen, der Anruf am Sonntagabend, ein Spitzname. Solche Rituale eignen sich gut als roter Faden, weil sie sich wiederholen und am Schluss der Rede noch einmal aufgenommen werden können. Diese Fragen helfen beim Erinnern:
- Was haben nur wir beide zusammen gemacht, und wann?
- Wie hat er mich genannt, wenn niemand zuhörte?
- Was hat er getan, wenn ich traurig war oder Angst hatte?
- Welchen Gegenstand verbinde ich mit ihm, und wo liegt er heute?
Weitere Fragen dieser Art finden Sie auf der Seite persönliche Trauerrede.
Worauf er stolz war, auch wenn er es nie sagte
Viele Väter haben ihren Stolz nicht ausgesprochen, sondern weitererzählt: den Nachbarn, den Kollegen, dem halben Ort. Fragen Sie in den Tagen vor der Beerdigung ruhig nach, was er über Sie gesagt hat. Oft kommen dabei Sätze zum Vorschein, die Sie nie gehört haben und die in der Rede ihren Platz finden dürfen. Erzählen Sie auch, worauf er bei sich selbst stolz war: ein Haus, ein Garten, ein unfallfreies Berufsleben, eine lange Ehe.
Trauerrede für den Vater von der Tochter: ehrlich bleiben, wenn es schwierig war
Das zweite Beispiel zeigt, dass eine Rede auch Spannungen benennen darf. Drei Regeln helfen dabei:
- Sagen Sie es früh und in einem Satz, ohne Einzelheiten.
- Erzählen Sie mindestens einen Moment, in dem Nähe möglich war.
- Enden Sie mit dem, was Sie von ihm behalten möchten.
Vorwürfe, offene Rechnungen und Familienstreit haben in der Trauerfeier keinen Platz. Wenn Sie unsicher sind, lesen Sie den Text vorab einem Menschen vor, der Sie beide kannte.
Weitere Reden, auch vom Sohn gesprochen, finden Sie unter Trauerrede für den Vater. Soll es nur ganz kurz sein, hilft die Seite kurze Trauerrede für den Vater. Wie ein Text Schritt für Schritt entsteht, erklärt der Ratgeber Trauerrede schreiben.
Erst lesen, dann entscheiden. Einmalig 29 €, kein Abo.
Häufige Fragen
Muss ich als Tochter die Rede selbst halten?
Nein. Sie können den Text schreiben und von einem Geschwister, einer Freundin oder dem Trauerredner vorlesen lassen. Viele Töchter sprechen trotzdem selbst, weil sie es als letzten Dienst für den Vater empfinden. Hinweise für den Vortrag finden Sie unter Trauerrede halten.
Darf ich „Papa“ sagen, auch wenn die Trauerfeier förmlich ist?
Ja. Verwenden Sie die Anrede, die zwischen Ihnen beiden üblich war. Gerade in einem förmlichen Rahmen wirkt ein vertrautes „Papa“ oder „Vati“ warm und echt. Wenn Sie über ihn erzählen, können Sie zwischen „mein Vater“ und seinem Vornamen wechseln.
Wie spreche ich über einen Vater, der wenig Gefühle gezeigt hat?
Erzählen Sie, was er getan hat, statt zu beschreiben, was er gefühlt haben könnte. Ein getragener Koffer, ein wöchentlicher Brief oder ein Nicken sagen den Trauergästen genug. Legen Sie ihm keine Worte in den Mund, die er nie gesagt hätte.
Was ist, wenn meine Geschwister ihn ganz anders erlebt haben?
Sprechen Sie in der Ich-Form und nur für sich. Sätze wie „So habe ich ihn erlebt“ lassen den anderen ihre eigene Erinnerung. Zeigen Sie den Text vorab Ihren Geschwistern, damit am Tag der Trauerfeier niemand überrascht wird.
Wie lang sollte die Rede der Tochter sein?
Drei bis fünf Minuten sind ein gutes Maß, wenn Sie die einzige Rednerin aus der Familie sind. Sprechen noch andere, genügen zwei bis drei Minuten. Stimmen Sie die Zeit mit dem Bestatter oder der Person ab, die durch die Trauerfeier führt.